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- EPISODE 14 - WIE EIN GOTT
Zwei auffällige Männer. Ihre Stimmen waren weg. Ihr grauer Fiat war weg. Aber ihre Worte blieben. „Übermorgen.“ Nicht mal ein ganzer Satz und doch drehte es sich in meinem Kopf wie ein Rad, das man nicht stoppen kann. Übermorgen. In zwei Morgengrauen. Zwei Sonnenaufgänge, zwei Nächte, zweimal schlafen gehen, zweimal wach werden – und dann würde etwas geschehen, das Giorgio gesagt hatte – und das der Mann mit der Zigarette mir noch einmal ins Ohr drückte, als wäre es ein Stempel. Etwas, das ihm die beiden Anzugmänner abverlangten, ohne es laut zu nennen. Ich sah zur Tür gegenüber. Sie war zu. So zu, als hätte sie mich ausgesperrt. Nicht hastig, nicht flüchtend – eher mit dieser Ruhe, die wie ein Deckel ist. Als hätte er die Szene abgeschlossen wie ein Buch, das man nicht offen liegen lassen darf, weil jemand mitlesen könnte. Kurz davor nur dieses Nicken — das war alles gewesen. Ein winziges, ruhiges Zeichen: Ich habe dich gesehen. Oder vielleicht auch nur: Sieh weg. Und ich… ich hatte gesehen. Zu viel. Oder zu wenig. Draußen war die Luft schon wieder warm, obwohl es erst Morgen war. Sizilien war nicht geduldig. Es wurde schnell heiß, schnell hell, alles zu schnell eindeutig. Ich löste mich vom Fenster, zog mich an und ging in die Küche, als wäre Gehen etwas, das helfen könnte. Als könnte Bewegung Gedanken ordnen. Der Steinboden unter meinen Füßen war angenehm kühl. Das Haus meiner Großeltern atmete in seinem eigenen Tempo, knarrte leise, als wollte es mich erinnern. Du bist allein, Junge. Pass auf. Auf dem Tisch stand der Tonkrug, den ich gestern Abend gefüllt hatte. Ich goss mir ein Glas ein und trank. Das Wasser war nicht mehr kühl. Es war lauwarm, fast schon warm, und es schmeckte nach Ton, nach Erde, nach dem Gefäß selbst, das es hielt. Ich trank trotzdem weiter, als könnte ich damit den Druck in meinem Brustkorb herunterspülen. Doch statt Ruhe kam er wieder. Giorgio. Nicht als Gedanke, der höflich anklopft, sondern als Bild, das da war. Groß. Schwer. Unverrückbar. Ich sah ihn wieder an der Quelle knien, wie er das Wasser mit den Händen schöpfte und trank, als wäre Durst etwas, das man nicht verhandelt. Ich sah seine Brust, die im Licht geglänzt hatte. Ich sah, wie er sich das Wasser über Hals und Schultern laufen ließ, als wollte er die Hitze aus sich herauswaschen. Und dann – schlimmer, viel schlimmer – sah ich ihn am Baum — breitbeinig, selbstverständlich stehen, als wäre sein Körper Teil eines Kreislaufs, über den man nicht spricht und der trotzdem alles bestimmt. Und mein Kopf tat, was er immer tut, wenn er keine Chance hat in solchen Situationen: Er machte daraus etwas Verbotenes. Etwas Dreckiges. Etwas, das nicht in Worte gehört. Ich spürte Hitze in mir, die nichts mit der Sonne zu tun hatte. Sie war unausweichlich. Es war, als wäre Giorgio selbst wie ein warmer Sommerregen: nichts, was man festhalten kann – und doch macht er alles in mir feucht, weich, empfänglich. Er fällt einfach, und ich kann ihn nicht aufhalten – und danach bin ich anders. Ich stellte das Glas ab. Ich dachte wieder an die Männer. Ich konnte sie noch sehen, als stünden sie hier in der Küche. Natürlich wusste ich, was das für Männer waren. Nicht „Geschäftsleute“. Nicht „Besucher“. Nicht einfach Fremde. Man musste nicht einmal in Sizilien aufgewachsen sein, um es zu verstehen. Die Anzüge waren eindeutig. Nicht, weil Stoff an sich gefährlich ist – sondern weil es eine Sorte Eleganz gibt, die nicht schön sein will, sondern überlegen. Die nicht bittet, sondern festlegt. Und diese Sorte hatte der Schlanke getragen, als wäre sie Teil seiner Haut. Und der andere – der Breite mit der Zigarette – war das Gegenteil davon: nicht glatt, nicht fein, aber genau deshalb bedrohlicher. Ein Körper, der nichts erklären muss, weil er im Zweifel erklärt, wie sich Schmerz anfühlt. Und ein Fiat, der in einem Dorf wie unserem plötzlich auftaucht, ist nicht einfach ein Wagen. Er ist eine Ankündigung. Ich sagte mir: Du kannst nicht einer von ihnen sein. Ich sagte es mir streng, wie ein Gebet. Ich bin nicht so. Ich will nicht so sein. Aber in Sizilien war man manchmal vielleicht schneller „einer von ihnen“, als man blinzeln konnte. Man musste nicht dazugehören. Es reichte, dass man im Weg stand. Oder dass man etwas besaß, das jemand von ihnen wollte. Oder dass man zur falschen Zeit am falschen Fenster stand. Ich war zurückgekommen, um Oliven zu ernten, Felder zu retten, ein Haus zu lüften und zu räumen, das nach Nonna Angela roch, und nicht um in Dinge hineingezogen zu werden, die in der Dunkelheit stattfinden. Ich war neunzehn. Ich war müde vom lauten New York, aus dem ich geflohen war, sobald ich die Gelegenheit bekommen hatte. Ich wollte nur Ruhe. Und doch… hatte Giorgio nicht genau dieses Wort benutzt? Ruhe. „Hier oben verkaufst du nie nur Früchte“, hatte er gesagt. „Du verkaufst auch ein bisschen… Ruhe.“ Ich hatte nicht verstanden, was er meinte. Ich hatte genickt, weil ich ihn nicht unterbrechen wollte, weil seine Hand auf meinem Bein alles in mir lauter gemacht hatte als der Sinn seiner Worte. Und jetzt, im Licht dieses Morgens, verstand ich es zu gut. Vielleicht war es das. Vielleicht waren diese Männer diejenigen, die „Ruhe“ verkauften. Und vielleicht war Giorgio… einer von ihnen. Oder er stand zumindest so nah an ihnen, dass er genau wusste, was geschehen sollte, wenn man keine Ruhe hat. Ich presste die Finger an den Rand des Tisches, als müsste ich mich festhalten. Wenn er wirklich… wenn er wirklich so etwas war – was war ich dann für ihn? Ein Junge, den er gestern „Junge“ genannt hatte. Den er mit aufs Feld genommen hatte. Dem er Äpfel gegeben hatte. Den er in seinem Traum auf den Knien gesehen hatte. Nicht so, wie ich es verstehen wollte. Ich sah wieder sein Gesicht, als er in meine Richtung geblickt hatte, als ich am Fenster gewinkt hatte. Glatt. Kein Lächeln. Kein „Enzo“. Nur Stein. Als hätte er mich für eine Sekunde aus seinem Leben gestrichen, um etwas Größeres zu schützen – sich selbst, die Männer, die Wahrheit, einen Plan oder alles zusammen. Oder als hätte er mir wortlos befohlen: Nichts sehen. Nichts wissen. Was passiert in zwei Tagen? Und sofort antwortete ein anderer Teil, dunkel und bildhaft: Vielleicht muss er etwas erledigen. Nicht „einen Termin“. Nicht „eine Abmachung“. Sondern etwas, das man nicht laut ausspricht. Ich dachte an den Satz auf dem Ast: „Wenn man nicht verkauft, zahlt man trotzdem. Nur anders.“ Plötzlich war das kein Rätsel mehr. Plötzlich war es eine Drohung mit einem Datum. Übermorgen. Ich sah Giorgio in meinen Gedanken anders: nicht mehr nur als der Mann, der Äpfel teilt und Wasser reicht. Sondern als jemand, der vielleicht das Unausgesprochene in den Händen hält. Der vielleicht nicht nur weiß, wie man arbeitet – sondern auch, wie man jemanden dazu bringt, nachzugeben. Wie man dafür sorgt, dass einer es bereut, keine „Ruhe“ gekauft zu haben. Und ja – wenn man ehrlich ist – er war dafür die richtige Gestalt. So wie er gebaut war, musste er niemanden schlagen, um bedrohlich zu sein. Er musste nur dastehen. Diese Schultern, dieser Rücken, diese Ruhe. Ein Mann wie er kann mit einem Blick Dinge beenden, bevor sie begonnen haben. Vielleicht war das sein Wert für sie. Vielleicht war das die „Drecksarbeit“, die man nicht anzieht wie einen Anzug, sondern die man in sich trägt. Und dann kam der bitterste Gedanke von allen: Was, wenn er wirklich einer von ihnen ist? Ich lehnte mich kurz gegen die Wand, als müsste ich mich halten. Mein Herz schlug zu schnell. Nicht nur aus Angst. Auch aus etwas, das ich nicht zugeben wollte. Denn selbst während ich mir das ausmalte – die Männer, die Termine, die Drohungen, die Möglichkeit von Gewalt – blieb in mir dieser andere Satz stehen, weich wie ein Gebet und gefährlich wie eine Sünde: Und trotzdem… würde ich vor ihm knien. Was auch immer wartet. Was auch immer geschieht. Was auch immer mich treffen könnte – ich spürte diese absurde Wahrheit: Ich würde es riskieren. Nicht, weil ich mutig bin. Sondern weil ich ihm nicht entkommen kann. Mein Kopf schrie Nein – aber mein Körper nickte. Liebe, wie man es harmloser nennt – ist ein schlechter Richter. Sie sagt: Schau nicht so genau hin. Sie sagt: Er hat seine Gründe. Sie sagt: Wenn er dunkel ist, bin ich eben die Nacht, die ihn nicht verrät. Ich hasste mich dafür, wie bereit ich war, Dinge zu akzeptieren, die ich bei jedem anderen Mann als Warnung gelesen hätte. Ich nahm das Glas wieder, trank noch einen Schluck, und dann zog es mich zurück – nicht zur Tür, nicht ins Dorfzentrum, nicht nach Hause, nicht zur Vernunft. Zum Fenster. Nicht, weil ich wollte, sondern weil ich nicht anders konnte. Ich schob den Vorhang einen Spalt auf – und mein Atem blieb hängen. Draußen, auf der anderen Seite der Straße, saß er. Die Sonne stand noch nicht hoch, aber sie traf ihn schon. Sie legte sich auf seine Schultern, machte seine Haut golden, und plötzlich war er nicht nur ein Mann, der auf einem Stuhl sitzt. Er war… etwas, das sich anfühlte wie der Grund, warum Dinge überhaupt existieren. Ich konnte nicht wegsehen. Das Fenster… es zog mir den Atem aus der Brust, als würde es mich hinausatmen – weg von mir, hin zu ihm. Und Giorgio da draußen war nicht einfach schön. Er war die Seele der Schöpfung in Fleisch und Blut. Ein absurdes, gefährliches Gefühl – und doch das Einzige, was in mir wahr blieb. Wie ein Gott, dachte ich. Nicht weil ich religiös war. Nicht, weil ich glaubte, dass er heilig ist. Sondern weil mein Körper sich in seiner Nähe so verhielt, als hätte er endlich etwas gefunden, dem er folgen darf. Ich spürte, wie mir schwindlig wurde. Nicht stark. Nur dieses leichte Wegkippen nach innen, als würde die Welt einen Schritt zur Seite machen, weil ich zu lange auf dasselbe starre. Giorgio bewegte sich. Nur eine kleine Bewegung – er hob die Hand, strich sich über den Bart, als würde er nachdenken. Und in mir war es, als würden sogar die Schatten an der Hauswand kurz nicken, als müssten sie ihm zustimmen. Er war da. Und ich… ich war ausgeliefert. Was auch immer in zwei Tagen passieren würde – was auch immer „übermorgen“ bedeutete, ob es Geld war, Drohung, Gewalt, eine Rechnung, die man zahlt, oder eine, die man eintreibt… mein Körper sagte nur: Egal. Nicht aus Mut. Aus Verliebtheit. Aus diesem dummen, brennenden Zustand, in dem man Dinge akzeptiert, die man sonst nie akzeptieren würde, nur weil man an einem Menschen hängt wie an Luft. Wenn Giorgio einer von „ihnen“ war – dann war er eben einer von ihnen. Wenn er für sie die Drecksarbeit machte – jemanden einschüchterte, jemandem „Ruhe“ wegnahm, damit er lernt, dass man sie kaufen muss – dann war das entsetzlich. Und trotzdem… wäre ich im nächsten Atemzug wieder der, der vor ihm kniet. Ich hasste mich dafür. Und ich konnte es nicht ändern. Ich sah seine Hände. Diese großen Hände, die gestern die Olivenstange gehalten hatten, die das Netz gezogen hatten, die mir Brot gegeben hatten. Hände, die, wenn es sein musste, bestimmt auch jemandem weh tun konnten. So wie er gebaut war, so wie er sich bewegte – Giorgio musste nicht einmal drohen. Er musste nur stehen. Vielleicht war das seine Aufgabe für sie: stehen. Zusehen lassen. Den Raum füllen, bis jemand begreift, dass Widerstand sinnlos ist. Ich dachte an irgendeinen Mann im Dorf, der nicht verkauft hatte. Der sich geweigert hatte, seine Früchte billig herzugeben, seine Ruhe abzugeben. Vielleicht würde er übermorgen lernen, was es kostet, „Nein“ zu sagen. Und Giorgio… Giorgio würde dafür sorgen, dass er es bereut. Mir wurde kalt, obwohl es schon längst warm war. Ich ließ den Vorhang sinken, als könnte Stoff Gedanken abhalten. Aber er hielt sie nicht. Ich musste etwas tun. Ich konnte nicht nur stehen und zählen – zwei Morgengrauen, zwei Tage, zwei Nächte – und nichts in den Händen haben außer Angst. Und da war es wieder: der Gedanke aus der Nacht, der mir schon im Bett gekommen war, als hätte er sich aus dem Dunkel selbst geformt. Ein Brief. Anonym. Ohne Namen. Nicht, um etwas zu fordern. Nur um das, was in mir brannte, irgendwohin zu legen, bevor es mich von innen auffrisst. Ich hatte niemanden. Nicht in Sant’Alfio. Keinen Freund, dem ich sagen konnte: Ich will vor ihm knien. Ich will ihm gehören. Ich will ihn so sehr, dass mir alles andere egal wird. Also musste das Papier mein Zeuge sein. Das Papier und ich. Ich sah hinunter zum kleinen Schreibpult meiner Großeltern – direkt unter dem Fenster, als hätten sie gewusst, dass man hier sitzen muss, wenn man sein Leben sortieren will – und zog die Schublade auf. Alte Rechnungen, vergilbte Postkarten, ein Bündel Schnur, ein Stück Löschpapier. Und dann fand ich, was ich suchte. Ein leeres Blatt. Nicht ganz weiß, eher knochenfarben. Ein einfacher Federhalter, dazu ein kleines Tintenfass, dunkel wie Nacht. Und daneben ein Bleistift, halb stumpf, kurz, als hätte ihn jemand bis zum letzten Rest benutzt, weil man Dinge nicht wegwirft, die noch schreiben können. Meine Finger schwebten einen Moment über beidem, als müsste ich mich entscheiden, welche Wahrheit gefährlicher ist: die, die man mit Tinte festnagelt – oder die, die man mit Bleistift schreiben kann, als wäre sie jederzeit löschbar. Ich nahm den Bleistift. Ich sah wieder raus zum Fenster. Draußen saß Giorgio. So nah, dass ich ihn sehen konnte, und doch so unerreichbar, als wäre zwischen uns nicht nur ein Fenster, sondern eine Regel, die niemand ausspricht. Ich setzte mich. Seine Füße lagen auf dem Hocker, in der Sonne, als wäre er aus ihr gemacht. Wie schreibt man einem Menschen, der mehr ist als ein Mensch? Einer Versuchung aus Fleisch. Einem Licht, das im Tageslicht nicht blass wird. Dem Morgenstern. Mir fiel etwas ein, das ich in New York in einem Buch gelesen hatte. „Morgenstern“ — ein Name, der beides tragen kann: Luzifer und Jesus. Verlockung und Rettung. Und genau so fühlte er sich an: Sünde und Rettung in derselben Gestalt. Leuchtend. Alles in meiner Seele kniete bereits vor ihm. Egal, wer er wirklich war. Ich senkte den Blick auf das Blatt und den Bleistift in der Hand. Und in diesem Moment – als wäre Schreiben nicht nur eine Bewegung, sondern ein Bekenntnis – vergaßen meine Finger für einen Atemzug, wie man Buchstaben macht. Es war lächerlich. Ich konnte schreiben. Ich hatte es in der Schule gelernt. Aber das hier… das war anders. Das hier war nicht Text. Das hier fühlte sich an, als würde ich meine Seele an ihn verkaufen – und nicht einmal zu wissen, ob er sie überhaupt will. Jedes Wort, das in mir auftauchte, kam nicht gerade. Es kam mit gesenktem Kopf. Wie ein Gebet. Kniend. Draußen bewegte Giorgio sich wieder, ganz minimal – er streckte die Zehen, als würde er die Sonne besser spüren wollen, und mein Körper antwortete, bevor ich denken konnte. Weich. Bereit. Wie ein Tier, das seinen Herrn längst erkannt hat. Ich wollte ihm dienen. Mein Atem wurde flach. Meine Hand war plötzlich schwach. Der Bleistift schwankte leicht über dem Papier, als hätte er selbst Angst, den ersten Strich zu machen. Das Fenster leuchtete. Nicht nur vom Licht – als würde es von innen her glühen, weil es Giorgio hielt, wie eine Ikone, die man nicht berühren darf und trotzdem anstarrt. Vor Erregung wurde mir schwindlig. Ich schloss kurz die Augen, als müsste ich mich festhalten und das Blenden löste sich, wie wenn man nach zu viel Sonne endlich wieder Konturen findet. Und in der Dunkelheit unter meinen Lidern begann etwas zu rühren. Worte. Nicht schöne. Nicht kluge. Ehrliche. Worte, die ich niemandem sagen konnte und die trotzdem raus mussten. Ich öffnete die Augen wieder. Das Blatt lag da. Leer. Wartend. Wie eine Beichte, die noch keinen Inhalt hat. Ich atmete ein, tief, als müsste ich mich entscheiden, zu leben oder zu sterben. Ob ich ihm den Brief wirklich geben würde, wusste ich noch nicht. Vielleicht würde ich ihn verbrennen, bevor jemand ihn findet. Vielleicht würde ich ihn verstecken. Vielleicht würde ich feige sein. Aber ich musste ihn schreiben. Weil seit Giorgio meinen Namen kannte, etwas in mir nicht mehr zurück konnte. Als hätte er mich mit einem einzigen Blick verschoben, aus meinem alten Leben heraus und in ein neues hinein, in dem ich nicht mehr so tun konnte, als hätte ich keinen Hunger. Draußen saß er wie ein Gott. Und drinnen saß ich wie jemand, der nicht mehr fliehen kann. Meine Hand hob sich wieder. Und ich wusste: Ich würde mein Herz auf dieses Papier gießen. Für ihn.
- EPISODE 13- ZWEI MORGENDÄMMERUNGEN AB JETZT
Und da hörte ich es wieder. Dieses Motorgeräusch. Nicht mehr im Traum. Von draußen. Tief. Schwer. Langsam. Ein Geräusch, das in einem Dorf wie unserem nicht einfach so auftaucht. Hier kam nicht „zufällig“ jemand mit einem Wagen vorbei. Ein Auto konnten sich nur wenige leisten – Aristokraten, Beamte… und jene, deren Namen man nicht sagt. Ich stand auf. Barfuß setzte ich meine Füße auf den Holzboden. Ich schlich zum Fenster, drückte die Vorhänge etwas zur Seite. Nur einen Spalt, gerade breit genug, um hinauszusehen, und schmal genug, um selbst unsichtbar zu bleiben. Und da stand ein dunkelgrauer Fiat. Der Fahrer stellte den Motor ab, und zwei Männer stiegen aus. Nicht die Art Männer, die man in unserem Dorf normalerweise sieht. Der eine war schlank, fast elegant in seiner Schmalheit. Er wirkte … geschniegelt. Olivfahle Haut, ein längliches Gesicht, und über der rechten Augenbraue eine feine Narbe, so präzise, als hätte jemand ihn einmal markiert. Sein Mund war glatt, nur ein Schatten von Schnurrbart, so dünn, dass er beinahe aussah wie ein Gedanke, den man gleich wieder wegwischt. Auf dem Kopf trug er einen schwarzen Filz-Fedora mit einer Mittelmulde und Seitendellen, als wäre das kein Hut, sondern ein Zeichen. Sein Anzug war zweireihig, anthrazit, aus Wolle, dazu eine Weste. Ein weißes Hemd mit steifem Kragen, eine dunkle schmale Krawatte, fixiert mit einer kleinen Nadel. Schwarze Oxford-Schuhe, sauberer als jede Küche im Dorf. An der Hand ein Siegelring. Am Handgelenk eine Armbanduhr. Und dieser Blick. Kontrolliert. Prüfend. Als würde er nicht Menschen sehen, sondern Möglichkeiten. Der zweite Mann war das Gegenteil – breit gebaut, schwer, mit dunklerer, sonnengegerbter Haut. Ein quadratisches Gesicht, eine schiefe Nase, die einmal gebrochen worden sein musste. Am linken Ohrläppchen eine Kerbe, als hätte jemand ein Stück herausgenommen. Und am linken Mundwinkel eine kleine Narbe, wie ein Schnitt, der nie ganz verheilt. Er trug eine dunkle coppola-Schiebermütze aus dunkelgrauem Tweed, Fischgratmuster, dazu ein dunkles Tweed-Sakko, eine dunkle Weste, ein cremefarbenes Hemd offen am Kragen, ein dunkles Halstuch. Seine Hose war dunkelgrau und weit, seine Stiefeletten dunkelbraun. In seiner rechten Hand hielt er eine Zigarette. Und sein Blick war nervös prüfend – nicht ängstlich, eher wie jemand, der ständig abtastet, wo der nächste Fehler passieren könnte. Ich musste nicht lange überlegen, was das für Männer waren. Hier sagte man dazu nicht „Geschäftsleute“. Man sagte es gar nicht. Man senkte die Stimme, schloss die Fensterläden, und tat so, als würde man nichts sehen. Dann hörte ich die Stimme des Schlanken – zu hell für das, was er war, zu freundlich für das, was in ihm steckte. „Giorgio, mein guter Freund! Komm, küssen wir uns die Hände“, sagte er – und trotzdem klang es nicht nach Freundschaft. Es klang nach Geschäft. Nach etwas, das sich wie dieser Alptraum zu entwickeln anfühlte, den ich soeben geträumt hatte, egal wie freundlich es klang. Dann öffnete sich die Tür gegenüber. Giorgio trat heraus. Barfuß. Er trug diese locker sitzende, beigefarbene Hose, die ich inzwischen kannte, und sein Oberkörper war nackt. Das frühe Licht legte sich auf seine Haut, zeichnete weiche Linien über Muskeln und Venen, die nicht für Schönheit gemacht waren, sondern für Arbeit. Er ging nicht hastig. Er ging nicht vorsichtig. Er ging ruhig, als wäre er Herr über diesen Moment, auch wenn er ihn vielleicht nicht bestellt hatte. Als würde er jedes Wort schon kennen, bevor es fällt. Er blieb nicht nur direkt vor seiner Tür stehen. Er ging hinaus auf den offenen Weg, ein paar Schritte weg von Mauern, als wolle er nicht, dass die Steine mithören. Sie redeten leise. Absichtlich leise. Ich konnte nichts hören. Ich konnte nur an ihren Gesichtern erkennen, dass es um etwas Ernstes gehen musste. Etwas Gefährliches. Etwas Verbotenes. Der Raucher zündete sich eine Zigarette und sog tief, langsam. Der Rauch kringelte sich in der Morgenluft, und mit ihm stieg Staub auf, den der Fiat mitgebracht hatte. Es war, als würde die Luft selbst schwerer werden. Der Elegante hob den Arm, drehte das Handgelenk, checkte seine Uhr und zeigte darauf – eine Bewegung, so beiläufig und doch so demonstrativ, dass ich verstand: Hier geht es um Zeit. Um Fristen. Um etwas, das nicht verhandelbar ist. Die Stille zwischen ihnen war nicht leer. Sie war dick. Dicker als der Staub, den sie geweckt hatten. Dann hörte ich es. Nicht alles. Nur diesen einen Fetzen, als würde die Welt mir genau das geben, was sie mir geben wollte, und nicht mehr. Giorgios Stimme – tiefer als sonst, nicht warm, nicht zärtlich, eher wie Stein. „Übermorgen“, sagte er. Kurz. Endgültig. Das war das Einzige, was ich hörte. Alles andere blieb im Dunst: die leisen Stimmen, das Rascheln von Stoff, das kurze Ziehen an der Zigarette. Nur dieses Wort war wie eine Glocke in meinem Kopf. Was konnte das bedeuten? Was sollte übermorgen geschehen? In zwei Morgengrauen – also übermorgen. Zwei Tage von jetzt. Und als ob er die Frage in meinem Kopf gehört hätte, schaute er in meine Richtung. Vielleicht war es Dummheit. Vielleicht Hoffnung. Vielleicht einfach diese kindische Sehnsucht in mir, die immer noch glaubte, ein Blick könne alles retten. Ich öffnete den Vorhang etwas mehr zur Seite. Ich hob die Hand. Ganz leicht. Ein Winken, kein Ruf – nur ein stummes: Ich bin hier. Ich sehe dich. Du bist nicht allein. Und sein Blick… blieb glatt. Kein Zucken. Keine Wärme. Kein „Junge“. Kein Lächeln, das mich auffängt. Als gäbe es nichts zwischen uns, keine Decke im Olivenhain, keinen Traum, keine Hand auf meinem Bein, kein „Gut“ am Ende des Tages. Kein Erkennen. Keine Gnade. Keine Erinnerung. Ich ließ die Hand sinken, als hätte ich mich verbrannt. Und in mir wurde etwas grau. Der Mann mit der Zigarette sagte, fast wie eine Bestätigung, fast wie eine Übersetzung für etwas, das nicht missverstanden werden darf: „Übermorgen. In zwei Morgengrauen.“ Er sagte es weich, aber in seiner Weichheit lag etwas Unbarmherziges. Ein Termin, der nicht verhandelbar ist. Der Raucher näherte sich Giorgio und flüsterte ihm schon fast etwas ins Ohr. Sein Gesichtsausdruck hätte die Steine schneiden können. Ich sah nur, dass Giorgios Gesichtsausdruck sich ein wenig veränderte. Ein Hauch von Sorge. Als hätte er etwas gehört, das gefährlicher war, als die beiden sowieso schon ausstrahlten. Als hätte der Raucher ihm einen Nagel ins Fleisch getrieben, ohne Blut zu zeigen. Giorgio sagte nichts. Er nickte nur. Dann streckte der Raucher die Hand aus. Giorgio gab sie ihm. Kein freundliches Schütteln. Eher ein Austausch: Du weißt. Ich weiß. Wir vergessen nicht. Dann drehte der Mann mit der Zigarette kurz den Kopf. Ich zog den Kopf instinktiv zurück, in der Hoffnung, dass der Vorhang mich unsichtbar machte. Mein Atem blieb hängen, und sein Blick glitt über die Fenster – auch über meines. Nicht lange. Aber lang genug, dass mir kalt wurde. Er sah nicht neugierig. Er sah prüfend. Als würde er sich merken, wo Augen sind. Ich sah, wie er den letzten Zug nahm, während sie zum Auto gingen. Er hielt die Zigarette kurz zwischen zwei Fingern, als wäre sie nichts weiter als ein Rest, den man loswird. Dann schnippte er sie weg – in Giorgios Richtung. Nicht zufällig. Absichtlich. Sie flog in einem flachen Bogen und landete an Giorgios nackten Füßen. Ein winziger, glühender Punkt. Die Spitze brannte hell auf, ein kleines, rotes Auge, das sich nicht schämte, gesehen zu werden. Der Rauch kräuselte sich nach oben, als würde er noch etwas sagen wollen. Giorgio sah nach unten zu ihr. Nur einen Moment. Aber dieser Moment war schwer. Ich beobachtete ihn so genau, dass ich das Gefühl hatte, ich könnte sehen, wie sich in seinem Gesicht etwas umstellt – nicht Angst. Nicht Panik. Eher dieses knappe, stumme Einordnen, das ein Mann macht, der gelernt hat, dass Kleinigkeiten manchmal die eigentlichen Botschaften sind. Sein Blick blieb auf der Zigarette liegen, und ich dachte plötzlich: Das ist kein Müll. Das ist ein Zeichen. Wie ein Stempel. Wie wenn man einem Tier etwas hinwirft, um zu testen, ob es sich duckt. Giorgio trat nicht zurück. Er hob den Fuß nicht hektisch an. Er machte nichts Hastiges. Er blieb einfach stehen, als hätte er vergessen, dass er barfuß ist. Aber ich sah, wie sich seine Zehen minimal anspannten. Der Elegante war schon halb im Wagen, der Raucher drehte sich noch einmal, langsam, als müsse er prüfen, ob Giorgio wirklich ruhig bleibt. Seine Augen wanderten kurz über Giorgios Brust, über die breiten Schultern, über den Bart, über die Glatze – und blieben dann für einen winzigen Augenblick an Giorgios Füßen hängen. An der Zigarette. Dann, als wäre das Urteil gefällt, zog er die Tür zu. Das Klicken schnitt durch die Luft. Der Motor sprang an. Tief. Schwer. Langsam. Der graue Fiat setzte sich in Bewegung, rollte die Straße hinunter, als hätte er alle Zeit der Welt und doch einen festen Termin. Staub stieg wieder auf. Giorgio blieb stehen. Ich beobachtete ihn, wie er dem Fiat nachblickte, bis er die Kurve am Ende der Straße nahm – diese Biegung, hinter der man nicht mehr sieht, wer kommt oder geht – und erst als der Wagen hinter der Kurve verschwunden war, bewegte Giorgio sich. Er bückte sich, nahm den brennenden Stummel zwischen zwei Finger und drückte ihn im Staub aus. Er ließ ihn aber nicht dort liegen. Er behielt ihn in seiner geschlossenen Hand, als müsste er den Dreck wegräumen, den die beiden hinterlassen hatten – den Beweis eines Besuchs, der im Dorf unerwünscht war und nicht mit ihm in Verbindung gebracht werden sollte. Er hob den Kopf – und sah zu meinem Fenster. Ich schob den Vorhang ganz zur Seite, doch ich traute mich weder zu winken noch zu lächeln. Ich sah ihn nur an. Er sagte nichts. Doch er gab mir ein Nicken. Klein. Ruhig. Winzig. Dann drehte er sich um, ging zurück in sein Haus, und die Tür schloss sich weich, fast sanft – als würde sie etwas bewahren, nicht etwas aussperren. Und ich blieb stehen. Mit den Fingern am Vorhang, ohne zu wissen, was ich wissen musste. Nur, dass sich etwas verschoben hatte, ohne dass ich es greifen konnte – und dass Giorgio in Dinge verstrickt war, die ich nicht verstand. Etwas, das „Übermorgen“ geschehen sollte. Und übermorgen war nicht weit. Zwei Nächte.
- EPISODE 12 – REITET JUNGS, REITET!
Ich galoppierte auf einem schwarzen Pferd, und der Strand war leer. Kein Fischer, kein Boot, keine Fußspuren in feinem Kies – nur diese endlose Linie aus Wasser und Land, die im ersten Licht der Dämmerung fast silbern wirkte. Das Pferd unter mir war warm und lebendig, ein einziges, kraftvolles Wesen aus Muskel und Atem. Ich spürte seinen Rücken arbeiten, spürte das elastische Heben und Senken, das mich trug, als wäre ich Teil von ihm. Jeder Galoppsprung war ein Stoß durch meinen Körper, aber keiner tat weh. Es war nicht dieses harte Reiten, das einen durchschüttelt – es war fließend, rhythmisch, wie ein Lied, das man nicht hört, sondern im Brustkorb fühlt. Die Hufe schlugen in Kies, und jedes Mal sprühte er in feinen, dunklen Tropfen nach hinten. Salz lag in der Luft, schwer und rein, vermischt mit dem Geruch von Algen und dem kühlen Atem des Meeres. Der Wind kam vom Wasser herüber und strich über mein Gesicht. Hinter mir war Giorgio. Ich sah ihn nicht – ich spürte ihn an meinem nackten Rücken, als wäre sein Körper eine zweite, warme Hautschicht über meiner. Die Wärme seiner Brust, die sich bei jedem Atemzug an mich legte; die ruhige Schwere seiner Präsenz, die nicht drängte und nicht zog, sondern einfach hielt. Seine Arme waren um mich. Ich fühlte mich so beschützt und wohl in der Wärme seines Körpers. Ich sah nur seine Hände, wie sie meine und die Zügel hielten. Und sie hielten alles so, wie Giorgio alles hielt: ruhig, sicher, ohne Hast. Sein Atem war an meinem Ohr. Warm. Gleichmäßig. So nah, dass ich das Gefühl hatte, seine Lippen würden bald an meinen Ohrläppchen knabbern. Ich fühlte mich beschützt. Als wäre ich in eine Decke gehüllt, die nicht aus Stoff besteht, sondern aus einem Menschen. Nicht durch Worte. Nicht durch Versprechen. Sondern durch dieses einfache, körperliche Wissen: Hinter mir ist jemand, der stärker ist. Jemand, der mich trägt, ohne es zu sagen. Das Pferd galoppierte, und der Strand flog an uns vorbei. Links das Meer, rechts die Dünen, und alles war weich. Selbst das Licht war weich. Es war diese Stunde, in der die Welt noch nicht entschieden hat, welche Farben sie tragen will. Der Himmel war blassrosa, der Horizont wie eine feine, dunkle Linie. Ich musste nicht sprechen. Ich musste nichts erklären. Ich musste nur sitzen, atmen, fühlen. Und ich dachte: So fühlt sich das Paradies an. Nicht in Äpfeln, nicht in Worten, sondern in Nähe, die nicht fragt, ob sie erlaubt ist. In einem Körper hinter mir, der mich ohne Urteil hält. In einer Wärme, die mich so vollständig umschließt, dass sogar die Angst leiser wird. Der Galopp wurde schneller. Oder vielleicht war es nur mein Herz. Und genau da, mitten in dieser weichen, romantischen Stille, kam das Geräusch. Ein Motor. Tief. Fremd. Falsch am Strand. Erst war es nur ein Brummen, wie ein Tier in der Ferne. Dann wurde es lauter, näher, metallischer. Die Luft vibrierte plötzlich anders, und das Pferd unter mir spannte sich an, als hätte es die Gefahr schneller verstanden als ich. Ich sah nach rechts. Neben uns, dort, wo kein Auto sein sollte – fuhr ein schwarzer Wagen. Glatt. Dunkel. Ohne Staub. Als wäre er nicht gefahren, sondern einfach erschienen. Er hielt nicht Abstand. Er fuhr mit uns, als hätte er uns gesucht. Als hätte er gewusst, dass wir hier sind. Das Geräusch seines Motors war so dicht, dass es den Rhythmus der Hufe verschluckte. Der Wind, der eben noch nach Salz gerochen hatte, roch plötzlich nach Öl und heißem Metall. Und ich spürte, wie sich Giorgio hinter mir veränderte: nicht sichtbar – aber in der Spannung seiner Hände. Seine Wärme blieb, aber sie war nicht mehr nur Schutz. Sie war jetzt… Bereitschaft. Ich drehte den Kopf nochmals zum Wagen, und der Blick in seine Fenster war wie ein Stich. Ich sah niemanden. Keine Gesichter. Keine Augen. Nur Spiegelung. Im dunklen Glas sah ich mich – Enzo – vorne auf dem Pferd, und hinter mir sah ich Giorgio, als Schatten und Körper, dicht, groß, an meinem Rücken. Und diese Spiegelung war nicht ruhig. Sie war verzerrt, zitternd, panisch, als würde das Glas nicht nur Licht zurückwerfen, sondern Angst. Ich bekam kaum Luft. Der Wagen kam näher. So nah, dass ich glaubte, sein Lack würde gleich meine Haut streifen. Er fuhr nicht nur neben uns – er drängte. Er spielte mit dem Abstand. Er nahm ihn mir, Zentimeter für Zentimeter, als wolle er testen, wie schnell wir brechen. Das Pferd schnaubte und sein Galopp wurde unruhiger. Der Strand, der eben noch endlos gewesen war, fühlte sich plötzlich an wie ein Korridor, der enger wird. Der Wagen zog ein Stück vor. Er wollte uns den Weg abschneiden. Ich spürte, wie Giorgios Atem an meinem Ohr schneller wurde. Seine Hände zogen die Zügel leicht nach links. Näher ans Wasser. Der nasse Kies wurde schwerer, die Hufe rutschten einen Atemzug lang weg, und die Kiesel rollten unter den Eisen. Das Meer war auf einmal nicht mehr schön. Es war eine Kante, ein Risiko. Aber es war der einzige Raum, den der Wagen uns ließ. Wir galoppierten direkt an der Wasserlinie entlang, so nah, dass die Wellen unsere Beine kühlten. Der Wagen folgte. Unmöglich, absurd – und doch da. Ich sah wieder ins Fenster. Wieder nur Spiegelung. Und in dieser Spiegelung sah ich etwas, das mich erschreckte: Ich galoppierte alleine auf dem Pferd, obwohl ich Giorgio immer noch fühlte. „Lass mich nicht alleine! Verschwinde nicht!“ schrie ich. Ich schaute wieder nach vorne. Und dann – von der anderen Seite, aus dem Meer, als würde das Wasser selbst sich entscheiden gegen uns zu sein – kam eine Welle. Keine normale Welle. Keine, die sanft bricht und wieder zurückzieht. Sondern eine, die sich aufbäumte wie eine Wand. Eine dunkle, schwere Masse, die plötzlich groß wurde, als hätte das Meer einen Körper bekommen. Ich hörte das Tosen, zu spät. Das Pferd rutschte. Nur einen Moment. Nur ein falscher Tritt auf dem rollenden, nassen Kies. Der Wagen kam noch näher, als würde er diesen Moment brauchen, um zuzupacken. Die Welle traf mich. Kalt wie ein Schlag. Schwer wie eine Hand, die einen nach unten zieht. Wasser füllte mir Mund und Nase. Salz brannte. Meine Augen öffneten sich reflexartig, und ich sah meine nackten Füße in einem Bett. Es ging einen kurzen Moment, bis ich realisierte, dass ich nur geträumt hatte. Dass ich im Haus meiner Großeltern geschlafen hatte. Mein Körper war nass vor Schweiß. Ich saß aufrecht im Bett, die Hände verkrampft in der Decke, als würde ich noch immer Zügel halten. Mein Herz raste. Es war bereits hell im Zimmer. Nicht das grelle, harte Licht des Tages, sondern dieses frühe, vorsichtige Licht, das noch nicht entschieden hat, ob es warm oder kalt sein will. Es lag wie ein dünner Schleier über den Dingen, machte Kanten weich – und doch fühlte sich alles schärfer an als sonst. Die Luft im Schlafzimmer roch nach altem Leinen, nach Staub, nach der Seife meiner Nonna Angela, die es eigentlich nicht mehr geben konnte und trotzdem da war, irgendwo in den Ritzen. Ein Geruch, der nach Heimat klingt, wenn man klein ist – und nach Verlust, wenn man zurückkommt. Ich drehte meinen Blick nach unten. Da lag er. Der alte, ausgewaschene Socken meines Großvaters. Ein Stück Stoff, das gestern noch nur ein Socken gewesen war – und heute wie eine Beichte dalag. Still. Schamlos. Voll von dem, was niemand sehen durfte. Ein stummes Zeugnis meines Überdrucks, meines Hungers, meiner Verzweiflung, die sich in der Nacht einen Ausweg gesucht hatte, weil sie sonst weh getan hätte. Ich fuhr mir über das Gesicht, als könnte ich das Gefühl von diesem Alptraum von meiner Haut wischen. Und da hörte ich es wieder. Dieses Motorgeräusch. Nicht mehr im Traum. Von draußen. Tief. Schwer. Langsam.
- EPISODE 11 – EINE MINUTE
SONG STORY Das Dorf lag schon im Abend, als wir ankamen. Stimmen hinter Fensterläden, ein kurzes Klirren von Metall, irgendwo ein letzter Ruf, der im Warmen hängen blieb. Die Luft roch nach Stein, nach Staub, nach dem Tag, der sich nur widerwillig aus den Gassen zurückzog. Peppina trottete zwischen uns, als wäre sie die Einzige, die nicht dachte. Als wäre sie nur Schritt, Atem, Gewohnheit. Das Seil in Giorgios Hand hing locker, aber in dieser Lockerheit lag etwas Unerschütterliches – so, wie bei ihm alles unerschütterlich war. Er führte, ohne zu ziehen. Er hielt, ohne zu drücken. Seine Finger lagen um das Seil, breit, ruhig, und ich spürte den Zug dieser Hand bis in meinen eigenen Nacken. Der Stall nahm uns auf wie ein alter Bekannter. Drinnen war es dunkler, kühler, und der Geruch von Heu und Tierwärme fühlte sich an wie eine Decke über der Haut. Staub schwebte im letzten Licht, als hätte er noch nicht beschlossen, sich zu setzen. Peppina schnaubte einmal, als sie ihren Platz sah, und ihr Körper wurde weich vor Erleichterung. Und dann kam auch schon Principe, das junge, noch etwas zu dünne Ding, wacklig auf den Beinen, aber mit dieser unverschämten Neugier, die nur Junge haben: Er stupste an Peppinas Flanke, als müsste er sich vergewissern, dass sie wirklich zurück war, und drängte sich dann ein Stück zu Giorgios Hand, als gehörte diese Hand nicht ihm, sondern jedem, der sie suchte. Giorgio lachte leise, dieses kurze, warme Lachen, das nie um Erlaubnis fragte. Er strich dem Kleinen über den Hals, beruhigend, selbstverständlich, und ich sah wieder, wie alles Leben zu ihm wollte: Tiere, Schatten, Ruhe. Selbst der Staub schien sich an ihn zu hängen. Ich stand daneben und spürte diesen alten Stich in mir – nicht Neid auf das Tier, nicht ganz. Eher dieses trockene Staunen, wie leicht Nähe bei ihm aussah. Als wäre sie ein Handgriff. Und bei mir etwas, das man nicht einmal denken durfte. Giorgio löste Peppina vom Geschirr, prüfte die Schnallen, stellte Wasser hin. Alles in einer Reihenfolge, die er nicht denken musste. Das Leder des Geschirrs knarrte leise, wenn er es anzog, und jedes Knarren war wie ein Zeichen: fest, richtig, endgültig. Und ich, der den ganzen Weg zurück schon mehr gedacht hatte, als ein Mensch tragen sollte, merkte, wie der Abschied näherkam wie ein Messer, das man noch nicht sieht, aber schon spürt. Meine Augen fanden seine Unterarme, die Sehnen, die Adern, die Ruhe der Kraft. Ich riss mich los, als hätte ich zu lange hingesehen. Ich wagte es nicht, ihm noch länger auf die Pelle zu rücken. Es tat mir weh, mich von ihm zu trennen – richtig weh, nicht wie eine Laune, nicht wie etwas, das morgen lächerlich wäre. Und gleichzeitig wusste ich: Genau diese Art von Schmerz war gefährlich, weil sie einen dumm macht. Weil sie einen ehrlich macht. Ich wollte nichts riskieren. Nicht zu viel zeigen. Nicht zu nah sein. Ich wusste ja nicht einmal, ob ich mir das alles nur einbildete – ob diese Blicke, dieses kurze Halten seines Blickes, dieses „Gut“ am Ende wirklich mehr gewesen waren als Höflichkeit. Ob der Traum… ob der Traum vielleicht nur ein Unfall seines Schlafs war. Oder ob er etwas in sich gespürt hatte, das ihn erschreckt hatte – und mich gleich mit. Als wir wieder draußen standen, war der Himmel schon dunkler, und das letzte Licht hing wie ein dünner Streifen über den Dächern. Giorgio schloss das Tor. Metall auf Metall. Ein kurzer Klang, dann Stille. Er sah mich an. Ich sah zurück. Wir lächelten. Kurz. Ehrlich. Und es war fast alles. „Buona notte“, sagte er ruhig. „Gute Nacht“, brachte ich heraus, und ich hasste mich dafür, wie dünn meine Stimme klang, als hätte sie Angst, sich zu zeigen. Als hätte mein Mund schon begriffen, dass ein falscher Ton mich verraten könnte. Wir verabschiedeten uns höflich, ruhig – aber viel zu früh. So früh, dass es sich fast wie eine Flucht anfühlte. Er ging nicht weit. Nur über die Straße, nur ein paar Schritte, hinein in sein Haus. In die Dunkelheit hinter seiner Tür. Und ich stand da wie jemand, der nicht weiß, wohin mit seinem Körper, weil das Einzige, was er will, auf der anderen Seite der Straße verschwindet. Ich musste nicht lange überlegen, wo ich in dieser Nacht schlafen würde. Im Haus meiner Eltern, unten im Dorfzentrum, wäre es weiter weg gewesen. Sicherer vielleicht. Vernünftiger. Aber alles in mir wollte ihm nahe sein. Also ging ich in das alte Haus meiner Großeltern. Eigentlich hatte ich es schon mittags betreten wollen, endlich, nach Monaten. Kisten öffnen. Staub abwischen. Erinnerung zulassen. Doch dann war Giorgio gekommen – und hatte den Ablauf meines Tages verändert, als hätte er einfach nur seinen Fuß in die Zeit gesetzt und sie in eine andere Richtung gedrückt. Ein Fuß. Ein Gewicht. Ein Schritt, der bestimmt. Ich schloss die Tür auf. Das Haus war dunkel und roch noch nach ihnen. Nicht stark. Nicht wie ein Parfum. Eher wie etwas, das in den Ritzen geblieben war: Leinen, Holz, ein Hauch von Seife, Staub, der nicht schmutzig war, sondern alt. Ein Geruch, der einmal Heimat gewesen war. Und unter allem dieses kühle, verschlossene Aroma von Stein, der tagsüber Hitze sammelt. Sie stand noch in den Wänden, als hätte sie dort ein Recht. Erinnerungen wurden wach. So schnell, dass mir für einen Moment die Kehle eng wurde. Ich vermisste sie. Und dann, fast unmittelbar, vermisste ich noch viel mehr ihn. Es war grausam, wie stark jeder Gedanke an ihn durch meinen ganzen Körper blitzte. Hätten es meine Großeltern verstanden, dass ich hier schlafen wollte? fragte ich mich plötzlich. Dass ich ihn mir ohne Hose ständig vor mir vorstellte, das Verbotene, das man nicht aussprach. Wohl kaum. Doch dann übernahm mein Körper die Kontrolle der Gedanken und verstand mich zu überzeugen. Dieses Gefühl: dieses Bedürfnis nach einem Menschen, das einen größer macht und kleiner zugleich. Was man wohl Liebe nennt. Dass ich hier war, weil etwas in mir einen Platz suchte – und ihn heute gefunden hatte, aber nicht betreten durfte. Und dieses Haus war das Nächste, was ich haben durfte: auf derselben Straße, im selben Atem der Nacht, nur eine Wand aus Anstand und Angst entfernt. „Danke, Nonni“, sagte ich leise. Ich ging durch das Haus, Raum für Raum. Es war schon dunkel. Ich zog die Sandalen aus. Der Boden an meinen nackten Fußsohlen fühlte sich warm an. Meine Schritte klangen gedämpft auf dem Steinboden, und überall standen leicht erkennbare Dinge, als würden sie in der Dunkelheit warten: eine Kommode, ein Stuhl, ein Schrank, der zu lange nicht geöffnet worden war. Schatten in Ecken. Stille in der Luft. Die Dunkelheit kannte das Haus. Mich nicht. Einen Moment dachte ich, ich sollte umkehren. Es war schwierig, sich in einem eigentlich unbekannten Haus in der Dunkelheit einzurichten. Doch die Bilder von Giorgio waren in dieser Dunkelheit noch präsenter, noch deutlicher. Sie hämmerten in meinem Kopf. Sie hielten mich fest. Sie brannten. Ich tastete an der Wand entlang. Rauer Putz, Holz. Keine Ahnung, wo Lampe, Zündhölzer, Öl waren. Ich stieß an Metall. Petroleumgeruch. In einer Schublade fand ich Streichhölzer. Die Flamme machte den Raum nicht freundlich. Nur sichtbar. Dann ging ich ins Schlafzimmer. Das Bett war nicht bereit. Ich fand Leintücher in einer Schublade, nahm sie heraus, schüttelte sie, und der Staub stieg auf wie ein kleiner Geist. Ich zog das Laken straff, legte das zweite darüber, als würde Ordnung mir helfen, mich selbst zu halten. Jede Bewegung, die ich machte, war eigentlich eine Bewegung gegen ihn – gegen die Bilder, gegen die Worte, die in mir nachhallten. „Du warst auf den Knien.“ Ich hörte es, als stünde Giorgio hinter mir. Nicht als Satz, sondern als Griff. Als Stellung. Als Ruhe, die mich an den richtigen Platz führt. Ich stellte mir vor, träumte vor mich hin, wie ich das Bett für uns beide vorbereiten würde. Wie ich zwei Kissen hinlegte und er bereits ausgezogen dort im Raum wartet und dabei zuschaut. Wie der heisse Geruch von ihm, den Raum füllen würde. Die Realität schmerzte gewaltig, als wäre sie ein Schlag. Ich würde alleine schlafen diese Nacht. Ich zog mich aus. Ganz. Ich war alleine. Ich legte mich hin. Und lag lange wach. Schlaf fand mich nicht. Stattdessen kamen Gedanken, Kreise, Zweifel – immer wieder dieselben, nur in anderen Formen, wie Wasser, das gegen denselben Stein läuft und ihn nicht bricht, sondern sich selbst erschöpft. Wie sollte ich diesen Druck loswerden? Wie sollte ich die Wahrheit über uns erfahren, ohne mein Leben zu riskieren – und ihn zu verlieren? Ihn, den ich gerade erst gewonnen hatte. Als Mensch. Als Nähe. Als Möglichkeit. Wie konnte ich ihn aus der Reserve locken? Wie herausfinden, ob er überhaupt offen wäre… für jemanden wie mich? Für einen Mann? Wie sollte er erfahren, was er in mir auslöste, ohne dass ich es aussprach? Wie klein ich mich fühlen wollte. Wie klein er mich machen durfte. Wie sehr ich ihn über mir wollte. Wie sehr ich wollte, dass er die Unruhe in mir zum Schweigen bringt. Ich war angezogen von ihm – bis ins Mark. Bis dahin, wo man nicht mehr so tut, als sei es nur ein Gedanke. Aber ich wusste nicht, wie er reagieren würde. Und ich wollte ihn nicht verlieren. Nicht ihn. Männer in Sizilien konnten gefährlich werden. Unberechenbar. Ein falscher Moment, ein falscher Blick – und alles kippte. Und es war nicht immer das Wort, das gefährlich war. Manchmal war es das Schweigen. Manchmal war es nur ein Atemzug zu nah. Eine Minute hätte gereicht. Eine Minute, um alles kaputt zu machen, was war – oder was vielleicht noch nicht war. Diese eine Minute. Ich dachte plötzlich an einen Brief. Anonym. Ohne Namen. Ohne Unterschrift. Einfach ein Stück Wahrheit auf Papier, das nicht zu mir zurückzeigte. Ihm alles schreiben, was ich selbst kaum verstand: die dunkelsten Wünsche, diese unruhige, heiße Sehnsucht, die sich nicht mit Brot und Arbeit beruhigen ließ. Ihm schreiben, was mein Blick schon längst wusste: wie sehr ich seine Kraft sah. Wie sehr ich seine Füße sah, sicher, schwer, als gehörte der Boden ihm. Der Plan war nicht klar. Aber ich musste diesen Überdruck loswerden. Rauslassen. Irgendwie. Ihn niederschreiben. Ihm mitteilen, ohne mich zu verraten. Ihn wissen lassen, dass ihn jemand sieht. Dass ihn jemand anhimmelt. Er wusste es gar nicht. Oder doch? Der Gedanke machte mich nervös. Und der nächste Gedanke – schlimmer – machte mich noch nervöser: dass er es vielleicht doch wusste und gerade deshalb geschwiegen hatte. Meine Gedanken rotierten. Schnell. Unkontrolliert. Und immer wieder tauchte das Bild auf: seine Hand, ruhig, groß, die einfach entscheidet, was ich tue. Ich stellte mir vor, wie er schnippt, und ich sofort bereit wäre, alles zu tun, was er will. Seinen Diener zu sein. Nein, sogar sein Sklave zu sein. Freiwillig. Der Sklave eines Herrn, den ich vergötterte. Ein Lamm vor einem Gott. „Enzo“, flüsterte ich in die Dunkelheit, als könnte ich mich damit stoppen. „Du spinnst.“ Er ist nur ein Mann, log ich mich an. Aber er war so viel mehr als nur ein Mann. Er war… der Sinn meines Lebens, dachte ich, und erschrak vor mir selbst. Der Grund, warum ich hier war. Der Grund, warum die Luft sich anders anfühlte, seit er meinen Namen kannte. Und das Wissen, dass er nur ein paar Meter entfernt war – auf der anderen Straßenseite, hinter einer Wand, in einem Bett – machte es schlimmer. Vielleicht lag er wirklich schon da. Vielleicht nackt. Vielleicht lag seine Unterhose über einem Stuhl, wie eine Hülle, die man nicht mehr braucht. Nur eine Minute entfernt. Ich starrte an die Decke. Über mir knackten die alten Balken. Die Nacht war warm, doch unter der Decke fror ich an einer Stelle, die kein Sommer erreicht. Dann drehte ich mich zur Wand, als könnte ich mich vor meinen eigenen Bildern verstecken. Aber ich sah nichts außer ihn. Seine Muskeln. Sein Lächeln. Seine Füße im Staub. Die Wölbung seiner Hose, als er vor mir stand. Und das Gewicht darunter, verborgen, groß, als hätte es ein eigenes Gesetz. Ich stellte mir vor, wie es aussähe, wenn nichts es mehr hielt. Frei. Selbstverständlich. Mächtig. Unverhüllt. Ich fühlte mich wie ein Dampfkochtopf. Überladen mit Bildern und Gedanken, die in mir zischten und drückten, als wollten sie mich von innen sprengen. Ich versuchte, mich zu beruhigen. Tief zu atmen. Wegzudenken. Aber ich konnte nicht. Je mehr ich mich dagegen wehrte, desto schlimmer wurden die Bilder. Ich sah ihn wieder, wie heute Nachmittag, auf dem Ast über mir, wie er mich einlädt, neben ihm zu sitzen. Und ich setzte mich nicht neben ihn. Ich setzte mich darunter. An seine Füße. Ich küsste sie, wischte den Staub ab, als wäre das meine Aufgabe. Wie es sich für einen Diener gehört. Ich atmete seinen Geruch ein, während er sich entkleidet. Und dann tat ich das, was ein junger Mann tut, wenn es überladen ist. Wenn der Körper nach etwas schreit und ausleben muss – nicht weil es schön ist, sondern weil es sonst weh tut. Ich griff nach der Schublade am Bett, tastete im Kerzenlicht, und meine Finger fanden einen alten, ausgewaschenen Socken meines Großvaters. Stoff, der schon so viel Alltag gesehen hatte, dass er fast nichts mehr bedeutete. Ich hielt ihn einen Moment fest. Dann schloss ich die Augen. Und ich berührte mich. Langsam, als müsste ich mich erst überreden, mir selbst zu erlauben, das zu tun, worum ich um Erlaubnis hätte fragen wollen. Wie ein Notbehelf, den ich mir selber erteilte. Ich nahm meine Hand in den Mund ich stellte mir vor, es sei seine Hand – nicht als Szene, sondern als Druck, als Wärme, als Nähe, die mich ordnet. Ich stellte mir vor, ich wäre unten, klein, dort, wo sein Traum mich gesehen hatte. Ich stellte mir vor, ich würde vor ihm beten. Und dass mein Gott aus Fleisch und Wärme wäre. Mensch geworden. Und dass ich ihm dienen dürfte, selbstverständlich, ohne Frage. „Giorgio…“ flüsterte ich. „Giorgio.“ Eine Minute. Mehr brauchte ich nicht. Nur eine Minute, um den Deckel vom Kochtopf zu lösen und den gestauten Dampf entweichen zu lassen. Als es vorbei war, war es kein Sieg. Eher ein Nachgeben. Ein Zittern, das durch mich lief, und dann Stille. Ich blieb reglos, als könnte die Nacht mich hören. Danach lag ich still da. Leer. Leerer als vorher – und gleichzeitig noch immer einsam. Noch immer genau dort, wo ich vorher gewesen war: in einem Bett, allein, im Haus meiner Großeltern, während der Mann, den ich wollte, auf der anderen Seite der Straße schlief. Aber ich war beruhigter. Das Feuer unter dem Kochtopf brannte noch. Das Wasser kochte immer noch irgendwo in mir. Nur nicht mehr so wild. Ich hörte meinen Atem. Langsamer. Endlich. Ich hörte das Haus, wie es knarrte, nicht bedrohlich, eher wie ein altes Tier, das sich im Schlaf bewegt. Und irgendwann – ohne dass ich es merkte – fand mich der Schlaf doch. Wie ein Mantel, den man über die Schultern gelegt bekommt, wenn man aufhört, sich zu wehren. Im Wegdriften war Giorgio noch da. Nicht als Bild. Nicht als Druck. Sondern als Schatten, der Ruhe macht. Als Nähe, die nicht greift, aber hält. Und für einen Moment – nur für diesen Moment – war es, als würde das Haus ausatmen. Als würde es mich gehen lassen.
- Wie du die Geschichte mit Bildern in deiner Sprache lesen kannst
Derzeit ist die bebilderte Fassung nur auf Englisch verfügbar. Ich empfehle, mit der Google-Chrome -App zu surfen . Sie übersetzt jede Seite, die du besuchst, automatisch in deine Sprache. Hier sind die Links zur App: iPhone: https://apps.apple.com/ch/app/google-chrome/id535886823 Android: https://play.google.com/store/apps/details?hl=en&id=com.android.chrome
- EPISODE 10 - ICH BISS MIR AUF DIE LIPPEN
SONG GESCHICHTE Der Traum hing noch zwischen uns, obwohl wir längst wieder gingen. Giorgios Worte waren nicht laut gewesen, nicht dramatisch. Er hatte sie mir fast nebenbei erzählt – und gerade deshalb hatten sie sich in mich gesetzt wie etwas, das nicht mehr wegzuwischen war. Wie Staub, der in die Poren kriecht und bleibt. Wie der Geschmack eines Apfels, der längst gegessen ist, aber immer noch auf der Zunge nachschmeckt. Wir liefen nebeneinander her, den schmalen Pfad zurück Richtung Dorf. Peppina trottete zwischen uns, ruhig, als wäre sie die Einzige, die das Gleichgewicht in dieser Welt hielt. Ihre Hufe klackten gleichmäßig auf Stein und harter Erde. Das Seil in Giorgios Hand hing locker, und doch war da diese Selbstverständlichkeit, mit der er hielt, führte, bestimmte – nicht hart, nicht brutal. Sicher. Ich hätte ihn gern gefragt, warum er mir das erzählt hatte. Ob er es bereute. Ob er es testen wollte. Oder ob es etwas war, das ihm selbst entglitten war – ein Geständnis ohne Absicht. Aber ich sagte nichts. Ich trug ein schönes Liebeslied in mir. Ich hielt es verborgen, nicht aus Scham, sondern aus Vorsicht. Schönheit war hier gefährlich. Wahrheit erst recht. In Sizilien durfte man nicht sagen, was man fühlte – nicht 1926, nicht, wenn man bleiben wollte. Und während wir gingen, biss ich mir auf die Lippen. Aus Angst. Nicht diese Angst, die laut wird, sondern die leise, präzise: die weiß, dass ein falsches Wort reicht. Dass Wahrheit Zähne kosten kann. Dass etwas, das vielleicht möglich wäre, nicht sanft zerbricht, sondern mit einem trockenen, endgültigen Knacken. Ich biss mir erneut auf die Lippen. Das Licht lag schräg zwischen den Bäumen. Die Olivenblätter wurden weich gezeichnet, die Schatten länger, der Tag verlor seine Härte. Nur mein Körper blieb gespannt, als hielte er etwas fest, das längst vorbei sein sollte. Ich sah zu Giorgio hinüber, ohne den Kopf zu drehen – nur aus dem Augenwinkel. So sieht man jemanden an, den man nicht ansehen darf. Er ging ruhig. Schwer. Erdnah. Schweiß hatte seine Haut an manchen Stellen dunkler gefärbt, und als der Wind richtig stand, roch ich ihn: Sonne, Salz, Arbeit. Eine Männlichkeit, die nichts verlangte und gerade deshalb alles auslöste. Und sofort war er wieder da, dieser Satz aus seinem Traum. Auf den Knien. Mein Atem stockte. Ich hatte gekniet - vor der Kirche, vor dem Altar. Als Kind. Knie auf kaltem Stein, Hände gefaltet, Blick gesenkt, Gott über mir. Es fühlte sich ähnlich an – und doch vollkommen falsch und richtig zugleich. Nicht Demut. Anbetung. Ein Gebet, das mein Körper kannte, bevor mein Verstand es einordnen konnte. Er ist es, dachte ich. Weil er neben mir ging wie ein lebendiges Feuer und ich war nur Luft, zu nah an der Flamme. Ich wollte knien. Ich wollte beten. Ich wollte fallen. So tief, dass mein Name keine Rolle mehr spielte. So, wie er mich in seinem Traum gesehen hatte. Ich biss mir auf die Lippen, bis es schmerzte. Peppina schnaubte leise. Das Geräusch holte mich zurück. Giorgio sah nach vorn und nach hinten, als prüfe er den Weg, den er im Schlaf kannte. Dann ein kurzer Blick zu mir – er blieb hängen. Einen Moment zu lang, um zufällig zu sein. Ich schaute auch zurück. Wir waren alleine. Zwischen unseren Schritten lag ein Schweigen, das nicht leer war. Es war voll – vom Traum, von dem, was keiner von uns aussprach. Dann sagte Giorgio, als wäre es ein gewöhnlicher Gedanke: „Und… was machst du eigentlich mit dem alten Steinhaus deiner Großeltern?“ Seine Stimme war ruhig. Sachlich. Bewusst sachlich. Als würde er einen Faden wählen, der nicht brannte. Ich brauchte einen Moment. Das Haus meiner Großeltern. Der Geruch von Leinen und Staub. Das Leben zweier Menschen, die nicht mehr da waren. Und jetzt: meine Entscheidung. „Willst du es verkaufen?“, fragte er. Jetzt sah er mich wirklich an. „Oder behältst du es für dich allein?“ Allein. Das Wort legte sich mir in den Nacken wie eine Hand. Ich wollte nicht mehr allein sein. Ich wollte neben ihm sein – ihn immer sehen, riechen und um mich herum haben. Das Haus meiner Großeltern, das seinem Haus gegenüber stand, war das einzige Alibi, das ich hatte, um in seiner Nähe zu sein. Das Haus meiner Eltern war im Zentrum des Dorfs. Zu weit von hier oben. Ich sagte, was ich sagen durfte. „Nein“, sagte ich ruhig. „Ich verkaufe es nicht.“ Giorgio nickte, kaum merklich. „Ich bleibe“, fügte ich hinzu. „Es gibt genug zu tun. Ich muss Kisten sortieren. Kleidung… und aufräumen.“ Beim Wort Kleidung dachte ich an seine große Hose. An das, was sie hielt. Wie sehr ich ihn ohne sie sehen wollte. Ich rettete mich mit einem Grinsen: „Für dich ist da sowieso nichts dabei.“ Giorgio hob eine Augenbraue. „Wie meinst du das?“ „Du bist zu breit“, sagte ich. „Zu groß. Alles wäre dir viel zu klein. Du könntest in nichts reinschlüpfen. Deine Muskeln würden alles sprengen“, antwortete ich ehrlich. Er lachte. „Ja, Da hast du recht“, sagte er. Dann, fast beiläufig: „Die hier ist übrigens die letzte.“ Ich sah ihn an. „Wie meinst du das?“ Er deutete mit dem Kinn nach unten und fasste die Hose am Saum, zog sie ein wenig nach vorne. Ich konnte nicht anders, als auf den Spalt zu sehen, den er bildete. Für einen kurzen Moment dachte ich, er würde mir zeigen, was sie verbarg. „Das ist meine letzte ganze Hose“, sagte er. „Die anderen… sind gerissen. Durch die Arbeit. Das Klettern. Die Spannung.“ Er atmete kurz aus. „Ich muss mir dringend neue machen lassen. Wenn ich wieder Geld hab. Sein Ton war sachlich, aber ich hörte trotzdem etwas darunter: Müdigkeit. Vielleicht auch Stolz. Er war ein Mann, der nichts wegwarf, solange es noch zu gebrauchen war. Er sah nach vorne, nicht zu mir, aber ich spürte, dass er trotzdem wusste, dass ich jedes Wort einsog. „Ich kann ja nicht jeden Tag halb nackt rumlaufen“, sagte er trocken. Der Satz war ein Witz. Ein einfacher Satz. In mir schnitt er aber tief. Wie ein heißes Messer, das durch Butter schneidet. Nackt. Ohne Kleidung. So wie ihn Gott geschaffen hatte. Ich biss mir auf die Lippen. Ich sah ihn wieder unter den Olivenbäumen stehen. Nicht nur oberkörperfrei – sondern in einer Vorstellung, die mir sofort zu heiß wurde. Verschwitzt, gekleidet nur in einem Netz von Adern, das mich fing, ohne dass er es wollte. Ich hätte nichts dagegen gehabt, ihn jeden Tag nackt rumlaufen zu sehen, aber: „Das Dorf würde reden“, sagte ich leise – eher laut denkend. Giorgio lachte kurz. Härter diesmal. „Das Dorf redet immer.“ Dann ruhiger: „Aber ja. Du hast recht.“ Und da war sie wieder, die Realität. Sie würden über ihn reden, auch wenn er ihnen nichts nehmen würde. Der Traum war trotzdem noch da. Still. Schwer. Brennend heiß wie ein Feuer, das alles in mir zum Kochen brachte. „Du warst auf den Knien.“ Dieser Satz ließ mich einfach nicht los. Ich hörte ihn immer wieder in meinem inneren Ohr. Mein Körper reagierte darauf, als wäre es Gegenwart. Als hätte Giorgio mir nicht nur einen Traum erzählt, sondern eine Möglichkeit gezeigt und sie sofort wieder verschlossen. Ich wollte fragen. Warum kam ich kniend in deinem Traum vor? Warst du darin nackt – war ich es? Hattest du mich wirklich nur mit Äpfeln gefüttert? Ich wollte sagen: Ich bin nicht nur hungrig nach deinen Äpfeln. Ich wollte sagen, zieh deine Hose aus und lass mich vor dir knien. Jetzt. Warum hast du den Weg geprüft? Aber das Risiko saß mir im Nacken. Und doch, in seiner Frage nach dem Haus, in seinem Lachen, in seinem Blick, in dieser Offenheit über zerrissene Kleidung lag etwas wie ein Faden. Eine Möglichkeit. Wir kamen dem Dorf näher. Aus der Ferne hörte man Stimmen, einen Hund, Metall auf Stein. Ich sah ihn an. Diesmal länger. Das letzte Licht traf sein Gesicht. Seine Augen wirkten heller – wie Meer unter Sonne. Vielleicht nur der Himmel, der sich darin spiegelte. Vielleicht mehr. Giorgio sah zu mir und hielt den Blick. Einen Herzschlag. Dann noch einen. „Du bleibst also“, sagte er. „Ja“, sagte ich entschlossen, ohne überlegen zu müssen. Er nickte. Ein kleines Lächeln, kaum sichtbar. „Gut.“ Nur dieses Wort. Nicht „Gut für die Arbeit“. Nicht „Gut fürs Land“. Nur „Gut“. Ich biss mir auf die Lippen, um nicht zu hoffnungsvoll zu lächeln. Denn Hoffnung war gefährlich. Aber sie war da. Wie der letzte Streifen Sonne. Wie ein verbotener heißer Apfel. Wie ein Traum, den man nicht träumen sollte und den der Körper trotzdem träumt. Wir gingen weiter. Richtung Dorf. Richtung Regeln. Und ich ging neben ihm. Schweigend. Brennend. Mit einer Wahrheit in mir, die ich nicht aussprechen durfte. Und einem Gebet, das ich nicht laut sprach, sondern nur in mir hielt: Mein Gott, lass mich vor ihm knien. Und lass mich beten.
- EPISODE 9 - ICH WILL SÜNDIGEN
SONG GESCHICHTE Giorgio stand vor mir. Nicht dicht genug, um mich zu berühren. Nicht weit genug, um seinen einnehmenden, anziehenden männlichen Geruch nicht zu riechen. Die Luft hatte inzwischen etwas abgekühlt, und doch kam sie mir immer noch zu heiß vor, als hätte sie den ganzen Tag über unsere Nähe gespeichert. Die Sonne stand tief, ihr Licht fiel schräg durch die Olivenblätter und legte sich auf seine Haut. Ich sah, wie seine nackte Brust sich hob und senkte, ruhig – und doch lag in dieser Ruhe etwas Ungesagtes, etwas Zurückgehaltenes in seinem Gesichtsausdruck. „Danke fürs Warten“, sagte er. „Ich musste kurz schlafen. Die Hitze war heute unerträglich.“ Er sah mich einen Moment prüfend an. „Konntest du auch etwas ruhen?“ „Nein“, sagte ich. „Ich mache keine Siestas. In New York macht man das nicht.“ Ich zögerte kurz, dann fügte ich ehrlicher hinzu, als ich wollte: „Ich habe dafür die Aussicht genossen.“ „Das freut mich.“ Seine Stimme klang normal. Vielleicht zu normal. „Ich hatte einen seltsamen Traum.“ sagte er dann. Sein Tonfall war ruhig, aber darunter lag etwas Ungeordnetes, als würde den Traum ihn noch beschäftigen. „Magst du meine Äpfel?“ fragte er. Die Frage war harmlos. Und zugleich war sie es nicht. Mein Blick löste sich nur kurz von seinem Gesicht, glitt unwillkürlich zu seiner Körpermitte und kehrte wieder zurück, als hätte ich mich dabei ertappt. Ich nickte. Mein Mund war trocken. Er trat einen halben Schritt näher, nicht drängend, nicht fordernd, sondern so, als wolle er mir etwas sagen, das nur für mich bestimmt war. „Ich habe geträumt…“, begann er langsam. „Wir waren gemeinsam auf dem Teil meines Landes, auf dem die Apfelbäume stehen. Du kamst auch in meinem Traum vor. Du…“ Er zögerte kurz. „Du warst auf den Knien.“ Er machte eine kurze Pause, als prüfe er, wie ich reagieren würde, ob ich ihn unterbrechen wollte. Ich tat es nicht. Im Gegenteil – ich blieb vollkommen still. „Du hast um meine Äpfel gebeten. Ziemlich verzweifelt. Du hattest fandest sie so gut“, sagte er. „Und ich habe sie dir gegeben. Unter den großen Bäumen.“ Die Worte trafen mich nicht wie ein Schlag. Sie sanken ein. Tief. Lautlos. Ich schluckte. Ich sah das Bild vor mir. Nicht genau so, wie er es beschrieb – sondern so, wie es sich für mich anfühlte. Ich war sitzend. Aber tiefer als er. Auf derselben Höhe, auf der man kniet, wenn man vor einem stehenden Mann ist. Ich dachte nicht an Scham. Ich dachte an Wahrheit. Ich bin dieser Traum, dachte ich. Nicht, weil ich seine süßen Äpfel wollte. Nicht, weil ich wirklich auf den Knien gewesen wäre. Sondern weil ich genau so gesehen werden wollte. Mein Blick glitt über ihn, ohne dass ich ihn zurückhalten konnte. Über sein Gesicht, das im Abendlicht weicher wirkte, fast verletzlich. Über seinen Hals, der sich bei jedem Atemzug spannte. Über seine Brust, auf der noch Spuren der Hitze lagen. Eine einzelne Schweißperle hatte sich an seiner Seite gesammelt und lief langsam hinab, als folge sie einer Linie, die nur ich sehen durfte. „Du hattest Hunger“, sagte er weiter. Seine Stimme war ruhig, aber tiefer als zuvor, als hätte sie sich dem Inhalt angepasst. „Du konntest nicht genug bekommen.“ Ich spürte, wie sich mein Atem veränderte. Er wurde flacher. Nein – ich bekam kaum noch Luft, bei dem, was ich hörte. „‚Bitte, gib mir mehr‘, hast du gesagt.“ In diesem Moment dachte ich, dass es vielleicht nicht wirklich um Äpfel gegangen war in seinem Traum. Sondern um eine andere Frucht. Seine. Eine verbotene. Eine, deren Namen man nicht aussprach. Zwischen uns stand kein Apfel, und doch war er da – brennend, unsichtbar, unausweichlich. Adam und Eva kamen mir in den Sinn. Nicht als Geschichte – sondern als Erkenntnis. Ich will sündigen, dachte ich. Giorgio sah mich an, als wüsste er nicht genau, was er in meinem Blick las; nur, dass es etwas war, das er nicht übersehen konnte. Ich senkte den Blick. Zu seinen Füßen. Zu seinen Beinen. Und dann wieder zu dieser Wölbung, die für mich der Apfel geworden war. Ich will den Apfel, dachte ich. Nicht, um hineinzubeißen. Und doch, um ihn in den Mund zu nehmen. Um ihn zu küssen. Um zu erkennen, wer ich eigentlich sein wollte. „Komm“, sagte Giorgio plötzlich. Seine Stimme war wieder fester, aber nicht hart. „Der Tag ist fast vorbei.“ Er drehte sich um. Zu schnell. Fast fliehend. Als müsse er sich selbst aus einer Situation retten, die er nicht zu Ende denken wollte – oder durfte. Vielleicht war sein Traum keine Einladung gewesen, seinen Apfel zu kosten. Vielleicht war er nur ein Echo. Ein Echo des Erlebten. Oder ein Echo dessen, was er selbst gespürt hatte, ohne es benennen zu können. Wir packten die wenigen Früchte zusammen, die inzwischen warm geworden waren auf dem Tuch, auf dem wir gegessen hatten. Giorgio nahm Peppina am Seil, und wir machten uns auf den Weg zurück. Nach Hause. Dorthin, wo die Sonne gerade unterging.






