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EPISODE 11 – EINE MINUTE

  • Autorenbild: Enzo
    Enzo
  • 8. Feb.
  • 10 Min. Lesezeit

SONG



STORY


Das Dorf lag schon im Abend, als wir ankamen. Stimmen hinter Fensterläden, ein kurzes Klirren von Metall, irgendwo ein letzter Ruf, der im Warmen hängen blieb. Die Luft roch nach Stein, nach Staub, nach dem Tag, der sich nur widerwillig aus den Gassen zurückzog.


Peppina trottete zwischen uns, als wäre sie die Einzige, die nicht dachte. Als wäre sie nur Schritt, Atem, Gewohnheit. Das Seil in Giorgios Hand hing locker, aber in dieser Lockerheit lag etwas Unerschütterliches – so, wie bei ihm alles unerschütterlich war. Er führte, ohne zu ziehen. Er hielt, ohne zu drücken. Seine Finger lagen um das Seil, breit, ruhig, und ich spürte den Zug dieser Hand bis in meinen eigenen Nacken.


Der Stall nahm uns auf wie ein alter Bekannter. Drinnen war es dunkler, kühler, und der Geruch von Heu und Tierwärme fühlte sich an wie eine Decke über der Haut. Staub schwebte im letzten Licht, als hätte er noch nicht beschlossen, sich zu setzen. Peppina schnaubte einmal, als sie ihren Platz sah, und ihr Körper wurde weich vor Erleichterung. Und dann kam auch schon Principe, das junge, noch etwas zu dünne Ding, wacklig auf den Beinen, aber mit dieser unverschämten Neugier, die nur Junge haben: Er stupste an Peppinas Flanke, als müsste er sich vergewissern, dass sie wirklich zurück war, und drängte sich dann ein Stück zu Giorgios Hand, als gehörte diese Hand nicht ihm, sondern jedem, der sie suchte.


Giorgio lachte leise, dieses kurze, warme Lachen, das nie um Erlaubnis fragte. Er strich dem Kleinen über den Hals, beruhigend, selbstverständlich, und ich sah wieder, wie alles Leben zu ihm wollte: Tiere, Schatten, Ruhe. Selbst der Staub schien sich an ihn zu hängen.


Ich stand daneben und spürte diesen alten Stich in mir – nicht Neid auf das Tier, nicht ganz. Eher dieses trockene Staunen, wie leicht Nähe bei ihm aussah. Als wäre sie ein Handgriff. Und bei mir etwas, das man nicht einmal denken durfte.


Giorgio löste Peppina vom Geschirr, prüfte die Schnallen, stellte Wasser hin. Alles in einer Reihenfolge, die er nicht denken musste. Das Leder des Geschirrs knarrte leise, wenn er es anzog, und jedes Knarren war wie ein Zeichen: fest, richtig, endgültig. Und ich, der den ganzen Weg zurück schon mehr gedacht hatte, als ein Mensch tragen sollte, merkte, wie der Abschied näherkam wie ein Messer, das man noch nicht sieht, aber schon spürt. Meine Augen fanden seine Unterarme, die Sehnen, die Adern, die Ruhe der Kraft. Ich riss mich los, als hätte ich zu lange hingesehen.


Ich wagte es nicht, ihm noch länger auf die Pelle zu rücken. Es tat mir weh, mich von ihm zu trennen – richtig weh, nicht wie eine Laune, nicht wie etwas, das morgen lächerlich wäre. Und gleichzeitig wusste ich: Genau diese Art von Schmerz war gefährlich, weil sie einen dumm macht. Weil sie einen ehrlich macht.


Ich wollte nichts riskieren. Nicht zu viel zeigen. Nicht zu nah sein. Ich wusste ja nicht einmal, ob ich mir das alles nur einbildete – ob diese Blicke, dieses kurze Halten seines Blickes, dieses „Gut“ am Ende wirklich mehr gewesen waren als Höflichkeit. Ob der Traum… ob der Traum vielleicht nur ein Unfall seines Schlafs war.


Oder ob er etwas in sich gespürt hatte, das ihn erschreckt hatte – und mich gleich mit.


Als wir wieder draußen standen, war der Himmel schon dunkler, und das letzte Licht hing wie ein dünner Streifen über den Dächern. Giorgio schloss das Tor. Metall auf Metall. Ein kurzer Klang, dann Stille.


Er sah mich an. Ich sah zurück. Wir lächelten. Kurz. Ehrlich. Und es war fast alles.


„Buona notte“, sagte er ruhig.


„Gute Nacht“, brachte ich heraus, und ich hasste mich dafür, wie dünn meine Stimme klang, als hätte sie Angst, sich zu zeigen. Als hätte mein Mund schon begriffen, dass ein falscher Ton mich verraten könnte.


Wir verabschiedeten uns höflich, ruhig – aber viel zu früh. So früh, dass es sich fast wie eine Flucht anfühlte.


Er ging nicht weit. Nur über die Straße, nur ein paar Schritte, hinein in sein Haus. In die Dunkelheit hinter seiner Tür.


Und ich stand da wie jemand, der nicht weiß, wohin mit seinem Körper, weil das Einzige, was er will, auf der anderen Seite der Straße verschwindet.


Ich musste nicht lange überlegen, wo ich in dieser Nacht schlafen würde.


Im Haus meiner Eltern, unten im Dorfzentrum, wäre es weiter weg gewesen. Sicherer vielleicht. Vernünftiger.


Aber alles in mir wollte ihm nahe sein.


Also ging ich in das alte Haus meiner Großeltern.


Eigentlich hatte ich es schon mittags betreten wollen, endlich, nach Monaten. Kisten öffnen. Staub abwischen. Erinnerung zulassen. Doch dann war Giorgio gekommen – und hatte den Ablauf meines Tages verändert, als hätte er einfach nur seinen Fuß in die Zeit gesetzt und sie in eine andere Richtung gedrückt. Ein Fuß. Ein Gewicht. Ein Schritt, der bestimmt.


Ich schloss die Tür auf.


Das Haus war dunkel und roch noch nach ihnen.


Nicht stark. Nicht wie ein Parfum. Eher wie etwas, das in den Ritzen geblieben war: Leinen, Holz, ein Hauch von Seife, Staub, der nicht schmutzig war, sondern alt. Ein Geruch, der einmal Heimat gewesen war. Und unter allem dieses kühle, verschlossene Aroma von Stein, der tagsüber Hitze sammelt. Sie stand noch in den Wänden, als hätte sie dort ein Recht.


Erinnerungen wurden wach. So schnell, dass mir für einen Moment die Kehle eng wurde. Ich vermisste sie.


Und dann, fast unmittelbar, vermisste ich noch viel mehr ihn.


Es war grausam, wie stark jeder Gedanke an ihn durch meinen ganzen Körper blitzte.


Hätten es meine Großeltern verstanden, dass ich hier schlafen wollte? fragte ich mich plötzlich. Dass ich ihn mir ohne Hose ständig vor mir vorstellte, das Verbotene, das man nicht aussprach. Wohl kaum. Doch dann übernahm mein Körper die Kontrolle der Gedanken und verstand mich zu überzeugen. Dieses Gefühl: dieses Bedürfnis nach einem Menschen, das einen größer macht und kleiner zugleich. Was man wohl Liebe nennt. Dass ich hier war, weil etwas in mir einen Platz suchte – und ihn heute gefunden hatte, aber nicht betreten durfte. Und dieses Haus war das Nächste, was ich haben durfte: auf derselben Straße, im selben Atem der Nacht, nur eine Wand aus Anstand und Angst entfernt. „Danke, Nonni“, sagte ich leise.


Ich ging durch das Haus, Raum für Raum. Es war schon dunkel. Ich zog die Sandalen aus. Der Boden an meinen nackten Fußsohlen fühlte sich warm an. Meine Schritte klangen gedämpft auf dem Steinboden, und überall standen leicht erkennbare Dinge, als würden sie in der Dunkelheit warten: eine Kommode, ein Stuhl, ein Schrank, der zu lange nicht geöffnet worden war. Schatten in Ecken. Stille in der Luft. Die Dunkelheit kannte das Haus. Mich nicht.


Einen Moment dachte ich, ich sollte umkehren. Es war schwierig, sich in einem eigentlich unbekannten Haus in der Dunkelheit einzurichten. Doch die Bilder von Giorgio waren in dieser Dunkelheit noch präsenter, noch deutlicher. Sie hämmerten in meinem Kopf. Sie hielten mich fest. Sie brannten.


Ich tastete an der Wand entlang. Rauer Putz, Holz. Keine Ahnung, wo Lampe, Zündhölzer, Öl waren. Ich stieß an Metall. Petroleumgeruch. In einer Schublade fand ich Streichhölzer. Die Flamme machte den Raum nicht freundlich. Nur sichtbar.


Dann ging ich ins Schlafzimmer.


Das Bett war nicht bereit.


Ich fand Leintücher in einer Schublade, nahm sie heraus, schüttelte sie, und der Staub stieg auf wie ein kleiner Geist. Ich zog das Laken straff, legte das zweite darüber, als würde Ordnung mir helfen, mich selbst zu halten. Jede Bewegung, die ich machte, war eigentlich eine Bewegung gegen ihn – gegen die Bilder, gegen die Worte, die in mir nachhallten.


„Du warst auf den Knien.“


Ich hörte es, als stünde Giorgio hinter mir. Nicht als Satz, sondern als Griff. Als Stellung. Als Ruhe, die mich an den richtigen Platz führt.


Ich stellte mir vor, träumte vor mich hin, wie ich das Bett für uns beide vorbereiten würde. Wie ich zwei Kissen hinlegte und er bereits ausgezogen dort im Raum wartet und dabei zuschaut. Wie der heisse Geruch von ihm, den Raum füllen würde.


Die Realität schmerzte gewaltig, als wäre sie ein Schlag.


Ich würde alleine schlafen diese Nacht.


Ich zog mich aus. Ganz. Ich war alleine.


Ich legte mich hin.


Und lag lange wach.


Schlaf fand mich nicht. Stattdessen kamen Gedanken, Kreise, Zweifel – immer wieder dieselben, nur in anderen Formen, wie Wasser, das gegen denselben Stein läuft und ihn nicht bricht, sondern sich selbst erschöpft.


Wie sollte ich diesen Druck loswerden?


Wie sollte ich die Wahrheit über uns erfahren, ohne mein Leben zu riskieren – und ihn zu verlieren? Ihn, den ich gerade erst gewonnen hatte. Als Mensch. Als Nähe. Als Möglichkeit.


Wie konnte ich ihn aus der Reserve locken? Wie herausfinden, ob er überhaupt offen wäre… für jemanden wie mich? Für einen Mann?


Wie sollte er erfahren, was er in mir auslöste, ohne dass ich es aussprach? Wie klein ich mich fühlen wollte. Wie klein er mich machen durfte. Wie sehr ich ihn über mir wollte. Wie sehr ich wollte, dass er die Unruhe in mir zum Schweigen bringt. Ich war angezogen von ihm – bis ins Mark. Bis dahin, wo man nicht mehr so tut, als sei es nur ein Gedanke.


Aber ich wusste nicht, wie er reagieren würde.


Und ich wollte ihn nicht verlieren. Nicht ihn.


Männer in Sizilien konnten gefährlich werden. Unberechenbar. Ein falscher Moment, ein falscher Blick – und alles kippte. Und es war nicht immer das Wort, das gefährlich war. Manchmal war es das Schweigen. Manchmal war es nur ein Atemzug zu nah.


Eine Minute hätte gereicht.


Eine Minute, um alles kaputt zu machen, was war – oder was vielleicht noch nicht war.


Diese eine Minute.


Ich dachte plötzlich an einen Brief.


Anonym. Ohne Namen. Ohne Unterschrift. Einfach ein Stück Wahrheit auf Papier, das nicht zu mir zurückzeigte. Ihm alles schreiben, was ich selbst kaum verstand: die dunkelsten Wünsche, diese unruhige, heiße Sehnsucht, die sich nicht mit Brot und Arbeit beruhigen ließ. Ihm schreiben, was mein Blick schon längst wusste: wie sehr ich seine Kraft sah. Wie sehr ich seine Füße sah, sicher, schwer, als gehörte der Boden ihm.


Der Plan war nicht klar. Aber ich musste diesen Überdruck loswerden. Rauslassen. Irgendwie. Ihn niederschreiben. Ihm mitteilen, ohne mich zu verraten. Ihn wissen lassen, dass ihn jemand sieht. Dass ihn jemand anhimmelt.


Er wusste es gar nicht.


Oder doch?


Der Gedanke machte mich nervös. Und der nächste Gedanke – schlimmer – machte mich noch nervöser: dass er es vielleicht doch wusste und gerade deshalb geschwiegen hatte.


Meine Gedanken rotierten. Schnell. Unkontrolliert. Und immer wieder tauchte das Bild auf: seine Hand, ruhig, groß, die einfach entscheidet, was ich tue. Ich stellte mir vor, wie er schnippt, und ich sofort bereit wäre, alles zu tun, was er will. Seinen Diener zu sein. Nein, sogar sein Sklave zu sein. Freiwillig. Der Sklave eines Herrn, den ich vergötterte. Ein Lamm vor einem Gott.


„Enzo“, flüsterte ich in die Dunkelheit, als könnte ich mich damit stoppen. „Du spinnst.“


Er ist nur ein Mann, log ich mich an.


Aber er war so viel mehr als nur ein Mann.


Er war… der Sinn meines Lebens, dachte ich, und erschrak vor mir selbst. Der Grund, warum ich hier war. Der Grund, warum die Luft sich anders anfühlte, seit er meinen Namen kannte.


Und das Wissen, dass er nur ein paar Meter entfernt war – auf der anderen Straßenseite, hinter einer Wand, in einem Bett – machte es schlimmer.


Vielleicht lag er wirklich schon da. Vielleicht nackt. Vielleicht lag seine Unterhose über einem Stuhl, wie eine Hülle, die man nicht mehr braucht.


Nur eine Minute entfernt.


Ich starrte an die Decke. Über mir knackten die alten Balken. Die Nacht war warm, doch unter der Decke fror ich an einer Stelle, die kein Sommer erreicht. Dann drehte ich mich zur Wand, als könnte ich mich vor meinen eigenen Bildern verstecken.

Aber ich sah nichts außer ihn.


Seine Muskeln.

Sein Lächeln.

Seine Füße im Staub.

Die Wölbung seiner Hose, als er vor mir stand. Und das Gewicht darunter, verborgen, groß, als hätte es ein eigenes Gesetz. Ich stellte mir vor, wie es aussähe, wenn nichts es mehr hielt. Frei. Selbstverständlich. Mächtig. Unverhüllt.


Ich fühlte mich wie ein Dampfkochtopf. Überladen mit Bildern und Gedanken, die in mir zischten und drückten, als wollten sie mich von innen sprengen. Ich versuchte, mich zu beruhigen. Tief zu atmen. Wegzudenken.


Aber ich konnte nicht.


Je mehr ich mich dagegen wehrte, desto schlimmer wurden die Bilder. Ich sah ihn wieder, wie heute Nachmittag, auf dem Ast über mir, wie er mich einlädt, neben ihm zu sitzen. Und ich setzte mich nicht neben ihn. Ich setzte mich darunter. An seine Füße. Ich küsste sie, wischte den Staub ab, als wäre das meine Aufgabe. Wie es sich für einen Diener gehört. Ich atmete seinen Geruch ein, während er sich entkleidet.


Und dann tat ich das, was ein junger Mann tut, wenn es überladen ist. Wenn der Körper nach etwas schreit und ausleben muss – nicht weil es schön ist, sondern weil es sonst weh tut.


Ich griff nach der Schublade am Bett, tastete im Kerzenlicht, und meine Finger fanden einen alten, ausgewaschenen Socken meines Großvaters. Stoff, der schon so viel Alltag gesehen hatte, dass er fast nichts mehr bedeutete.


Ich hielt ihn einen Moment fest.


Dann schloss ich die Augen.


Und ich berührte mich.


Langsam, als müsste ich mich erst überreden, mir selbst zu erlauben, das zu tun, worum ich um Erlaubnis hätte fragen wollen. Wie ein Notbehelf, den ich mir selber erteilte. Ich nahm meine Hand in den Mund ich stellte mir vor, es sei seine Hand – nicht als Szene, sondern als Druck, als Wärme, als Nähe, die mich ordnet. Ich stellte mir vor, ich wäre unten, klein, dort, wo sein Traum mich gesehen hatte.


Ich stellte mir vor, ich würde vor ihm beten.


Und dass mein Gott aus Fleisch und Wärme wäre. Mensch geworden. Und dass ich ihm dienen dürfte, selbstverständlich, ohne Frage.


„Giorgio…“ flüsterte ich.


„Giorgio.“


Eine Minute.


Mehr brauchte ich nicht.


Nur eine Minute, um den Deckel vom Kochtopf zu lösen und den gestauten Dampf entweichen zu lassen.


Als es vorbei war, war es kein Sieg. Eher ein Nachgeben. Ein Zittern, das durch mich lief, und dann Stille. Ich blieb reglos, als könnte die Nacht mich hören.


Danach lag ich still da.


Leer.


Leerer als vorher – und gleichzeitig noch immer einsam. Noch immer genau dort, wo ich vorher gewesen war: in einem Bett, allein, im Haus meiner Großeltern, während der Mann, den ich wollte, auf der anderen Seite der Straße schlief.


Aber ich war beruhigter.


Das Feuer unter dem Kochtopf brannte noch. Das Wasser kochte immer noch irgendwo in mir.


Nur nicht mehr so wild.


Ich hörte meinen Atem. Langsamer. Endlich. Ich hörte das Haus, wie es knarrte, nicht bedrohlich, eher wie ein altes Tier, das sich im Schlaf bewegt.


Und irgendwann – ohne dass ich es merkte – fand mich der Schlaf doch.


Wie ein Mantel, den man über die Schultern gelegt bekommt, wenn man aufhört, sich zu wehren.


Im Wegdriften war Giorgio noch da. Nicht als Bild. Nicht als Druck. Sondern als Schatten, der Ruhe macht. Als Nähe, die nicht greift, aber hält.


Und für einen Moment – nur für diesen Moment – war es, als würde das Haus ausatmen.


Als würde es mich gehen lassen.

 
 

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