EPISODE 13- ZWEI MORGENDÄMMERUNGEN AB JETZT
- Enzo

- 22. Feb.
- 7 Min. Lesezeit
Und da hörte ich es wieder. Dieses Motorgeräusch. Nicht mehr im Traum. Von draußen. Tief. Schwer. Langsam.
Ein Geräusch, das in einem Dorf wie unserem nicht einfach so auftaucht. Hier kam nicht „zufällig“ jemand mit einem Wagen vorbei. Ein Auto konnten sich nur wenige leisten – Aristokraten, Beamte… und jene, deren Namen man nicht sagt.
Ich stand auf. Barfuß setzte ich meine Füße auf den Holzboden.
Ich schlich zum Fenster, drückte die Vorhänge etwas zur Seite. Nur einen Spalt, gerade breit genug, um hinauszusehen, und schmal genug, um selbst unsichtbar zu bleiben.
Und da stand ein dunkelgrauer Fiat. Der Fahrer stellte den Motor ab, und zwei Männer stiegen aus.
Nicht die Art Männer, die man in unserem Dorf normalerweise sieht.
Der eine war schlank, fast elegant in seiner Schmalheit. Er wirkte … geschniegelt. Olivfahle Haut, ein längliches Gesicht, und über der rechten Augenbraue eine feine Narbe, so präzise, als hätte jemand ihn einmal markiert. Sein Mund war glatt, nur ein Schatten von Schnurrbart, so dünn, dass er beinahe aussah wie ein Gedanke, den man gleich wieder wegwischt. Auf dem Kopf trug er einen schwarzen Filz-Fedora mit einer Mittelmulde und Seitendellen, als wäre das kein Hut, sondern ein Zeichen.
Sein Anzug war zweireihig, anthrazit, aus Wolle, dazu eine Weste. Ein weißes Hemd mit steifem Kragen, eine dunkle schmale Krawatte, fixiert mit einer kleinen Nadel. Schwarze Oxford-Schuhe, sauberer als jede Küche im Dorf. An der Hand ein Siegelring. Am Handgelenk eine Armbanduhr.
Und dieser Blick.
Kontrolliert. Prüfend. Als würde er nicht Menschen sehen, sondern Möglichkeiten.
Der zweite Mann war das Gegenteil – breit gebaut, schwer, mit dunklerer, sonnengegerbter Haut. Ein quadratisches Gesicht, eine schiefe Nase, die einmal gebrochen worden sein musste. Am linken Ohrläppchen eine Kerbe, als hätte jemand ein Stück herausgenommen. Und am linken Mundwinkel eine kleine Narbe, wie ein Schnitt, der nie ganz verheilt. Er trug eine dunkle coppola-Schiebermütze aus dunkelgrauem Tweed, Fischgratmuster, dazu ein dunkles Tweed-Sakko, eine dunkle Weste, ein cremefarbenes Hemd offen am Kragen, ein dunkles Halstuch. Seine Hose war dunkelgrau und weit, seine Stiefeletten dunkelbraun.
In seiner rechten Hand hielt er eine Zigarette.
Und sein Blick war nervös prüfend – nicht ängstlich, eher wie jemand, der ständig abtastet, wo der nächste Fehler passieren könnte.
Ich musste nicht lange überlegen, was das für Männer waren.
Hier sagte man dazu nicht „Geschäftsleute“. Man sagte es gar nicht. Man senkte die Stimme, schloss die Fensterläden, und tat so, als würde man nichts sehen.
Dann hörte ich die Stimme des Schlanken – zu hell für das, was er war, zu freundlich für das, was in ihm steckte.
„Giorgio, mein guter Freund! Komm, küssen wir uns die Hände“, sagte er – und trotzdem klang es nicht nach Freundschaft.
Es klang nach Geschäft. Nach etwas, das sich wie dieser Alptraum zu entwickeln anfühlte, den ich soeben geträumt hatte, egal wie freundlich es klang.
Dann öffnete sich die Tür gegenüber.
Giorgio trat heraus. Barfuß. Er trug diese locker sitzende, beigefarbene Hose, die ich inzwischen kannte, und sein Oberkörper war nackt. Das frühe Licht legte sich auf seine Haut, zeichnete weiche Linien über Muskeln und Venen, die nicht für Schönheit gemacht waren, sondern für Arbeit.
Er ging nicht hastig.
Er ging nicht vorsichtig.
Er ging ruhig, als wäre er Herr über diesen Moment, auch wenn er ihn vielleicht nicht bestellt hatte. Als würde er jedes Wort schon kennen, bevor es fällt.
Er blieb nicht nur direkt vor seiner Tür stehen. Er ging hinaus auf den offenen Weg, ein paar Schritte weg von Mauern, als wolle er nicht, dass die Steine mithören.
Sie redeten leise. Absichtlich leise. Ich konnte nichts hören. Ich konnte nur an ihren Gesichtern erkennen, dass es um etwas Ernstes gehen musste. Etwas Gefährliches. Etwas Verbotenes.
Der Raucher zündete sich eine Zigarette und sog tief, langsam. Der Rauch kringelte sich in der Morgenluft, und mit ihm stieg Staub auf, den der Fiat mitgebracht hatte. Es war, als würde die Luft selbst schwerer werden.
Der Elegante hob den Arm, drehte das Handgelenk, checkte seine Uhr und zeigte darauf – eine Bewegung, so beiläufig und doch so demonstrativ, dass ich verstand: Hier geht es um Zeit. Um Fristen. Um etwas, das nicht verhandelbar ist.
Die Stille zwischen ihnen war nicht leer. Sie war dick. Dicker als der Staub, den sie geweckt hatten.
Dann hörte ich es.
Nicht alles. Nur diesen einen Fetzen, als würde die Welt mir genau das geben, was sie mir geben wollte, und nicht mehr.
Giorgios Stimme – tiefer als sonst, nicht warm, nicht zärtlich, eher wie Stein.
„Übermorgen“, sagte er. Kurz. Endgültig.
Das war das Einzige, was ich hörte.
Alles andere blieb im Dunst: die leisen Stimmen, das Rascheln von Stoff, das kurze Ziehen an der Zigarette. Nur dieses Wort war wie eine Glocke in meinem Kopf.
Was konnte das bedeuten? Was sollte übermorgen geschehen?
In zwei Morgengrauen – also übermorgen. Zwei Tage von jetzt.
Und als ob er die Frage in meinem Kopf gehört hätte, schaute er in meine Richtung.
Vielleicht war es Dummheit. Vielleicht Hoffnung. Vielleicht einfach diese kindische Sehnsucht in mir, die immer noch glaubte, ein Blick könne alles retten. Ich öffnete den Vorhang etwas mehr zur Seite.
Ich hob die Hand. Ganz leicht. Ein Winken, kein Ruf – nur ein stummes: Ich bin hier. Ich sehe dich. Du bist nicht allein.
Und sein Blick… blieb glatt. Kein Zucken. Keine Wärme. Kein „Junge“. Kein Lächeln, das mich auffängt. Als gäbe es nichts zwischen uns, keine Decke im Olivenhain, keinen Traum, keine Hand auf meinem Bein, kein „Gut“ am Ende des Tages.
Kein Erkennen. Keine Gnade. Keine Erinnerung.
Ich ließ die Hand sinken, als hätte ich mich verbrannt.
Und in mir wurde etwas grau.
Der Mann mit der Zigarette sagte, fast wie eine Bestätigung, fast wie eine Übersetzung für etwas, das nicht missverstanden werden darf:
„Übermorgen. In zwei Morgengrauen.“
Er sagte es weich, aber in seiner Weichheit lag etwas Unbarmherziges. Ein Termin, der nicht verhandelbar ist.
Der Raucher näherte sich Giorgio und flüsterte ihm schon fast etwas ins Ohr. Sein Gesichtsausdruck hätte die Steine schneiden können.
Ich sah nur, dass Giorgios Gesichtsausdruck sich ein wenig veränderte. Ein Hauch von Sorge. Als hätte er etwas gehört, das gefährlicher war, als die beiden sowieso schon ausstrahlten. Als hätte der Raucher ihm einen Nagel ins Fleisch getrieben, ohne Blut zu zeigen.
Giorgio sagte nichts. Er nickte nur.
Dann streckte der Raucher die Hand aus.
Giorgio gab sie ihm. Kein freundliches Schütteln. Eher ein Austausch: Du weißt. Ich weiß. Wir vergessen nicht.
Dann drehte der Mann mit der Zigarette kurz den Kopf. Ich zog den Kopf instinktiv zurück, in der Hoffnung, dass der Vorhang mich unsichtbar machte. Mein Atem blieb hängen, und sein Blick glitt über die Fenster – auch über meines. Nicht lange. Aber lang genug, dass mir kalt wurde.
Er sah nicht neugierig. Er sah prüfend. Als würde er sich merken, wo Augen sind.
Ich sah, wie er den letzten Zug nahm, während sie zum Auto gingen. Er hielt die Zigarette kurz zwischen zwei Fingern, als wäre sie nichts weiter als ein Rest, den man loswird. Dann schnippte er sie weg – in Giorgios Richtung. Nicht zufällig. Absichtlich.
Sie flog in einem flachen Bogen und landete an Giorgios nackten Füßen.
Ein winziger, glühender Punkt.
Die Spitze brannte hell auf, ein kleines, rotes Auge, das sich nicht schämte, gesehen zu werden. Der Rauch kräuselte sich nach oben, als würde er noch etwas sagen wollen.
Giorgio sah nach unten zu ihr.
Nur einen Moment. Aber dieser Moment war schwer.
Ich beobachtete ihn so genau, dass ich das Gefühl hatte, ich könnte sehen, wie sich in seinem Gesicht etwas umstellt – nicht Angst. Nicht Panik. Eher dieses knappe, stumme Einordnen, das ein Mann macht, der gelernt hat, dass Kleinigkeiten manchmal die eigentlichen Botschaften sind.
Sein Blick blieb auf der Zigarette liegen, und ich dachte plötzlich: Das ist kein Müll. Das ist ein Zeichen.
Wie ein Stempel.
Wie wenn man einem Tier etwas hinwirft, um zu testen, ob es sich duckt.
Giorgio trat nicht zurück. Er hob den Fuß nicht hektisch an. Er machte nichts Hastiges. Er blieb einfach stehen, als hätte er vergessen, dass er barfuß ist.
Aber ich sah, wie sich seine Zehen minimal anspannten.
Der Elegante war schon halb im Wagen, der Raucher drehte sich noch einmal, langsam, als müsse er prüfen, ob Giorgio wirklich ruhig bleibt. Seine Augen wanderten kurz über Giorgios Brust, über die breiten Schultern, über den Bart, über die Glatze – und blieben dann für einen winzigen Augenblick an Giorgios Füßen hängen.
An der Zigarette.
Dann, als wäre das Urteil gefällt, zog er die Tür zu.
Das Klicken schnitt durch die Luft.
Der Motor sprang an.
Tief. Schwer. Langsam.
Der graue Fiat setzte sich in Bewegung, rollte die Straße hinunter, als hätte er alle Zeit der Welt und doch einen festen Termin. Staub stieg wieder auf.
Giorgio blieb stehen.
Ich beobachtete ihn, wie er dem Fiat nachblickte, bis er die Kurve am Ende der Straße nahm – diese Biegung, hinter der man nicht mehr sieht, wer kommt oder geht – und erst als der Wagen hinter der Kurve verschwunden war, bewegte Giorgio sich.
Er bückte sich, nahm den brennenden Stummel zwischen zwei Finger und drückte ihn im Staub aus. Er ließ ihn aber nicht dort liegen. Er behielt ihn in seiner geschlossenen Hand, als müsste er den Dreck wegräumen, den die beiden hinterlassen hatten – den Beweis eines Besuchs, der im Dorf unerwünscht war und nicht mit ihm in Verbindung gebracht werden sollte.
Er hob den Kopf – und sah zu meinem Fenster.
Ich schob den Vorhang ganz zur Seite, doch ich traute mich weder zu winken noch zu lächeln. Ich sah ihn nur an.
Er sagte nichts. Doch er gab mir ein Nicken. Klein. Ruhig. Winzig.
Dann drehte er sich um, ging zurück in sein Haus, und die Tür schloss sich weich, fast sanft – als würde sie etwas bewahren, nicht etwas aussperren.
Und ich blieb stehen.
Mit den Fingern am Vorhang, ohne zu wissen, was ich wissen musste.
Nur, dass sich etwas verschoben hatte, ohne dass ich es greifen konnte – und dass Giorgio in Dinge verstrickt war, die ich nicht verstand.
Etwas, das „Übermorgen“ geschehen sollte.
Und übermorgen war nicht weit.
Zwei Nächte.
