EPISODE 10 - ICH BISS MIR AUF DIE LIPPEN
- Enzo

- 1. Feb.
- 6 Min. Lesezeit
SONG
GESCHICHTE
Der Traum hing noch zwischen uns, obwohl wir längst wieder gingen.
Giorgios Worte waren nicht laut gewesen, nicht dramatisch. Er hatte sie mir fast nebenbei erzählt – und gerade deshalb hatten sie sich in mich gesetzt wie etwas, das nicht mehr wegzuwischen war. Wie Staub, der in die Poren kriecht und bleibt. Wie der Geschmack eines Apfels, der längst gegessen ist, aber immer noch auf der Zunge nachschmeckt.
Wir liefen nebeneinander her, den schmalen Pfad zurück Richtung Dorf. Peppina trottete zwischen uns, ruhig, als wäre sie die Einzige, die das Gleichgewicht in dieser Welt hielt. Ihre Hufe klackten gleichmäßig auf Stein und harter Erde. Das Seil in Giorgios Hand hing locker, und doch war da diese Selbstverständlichkeit, mit der er hielt, führte, bestimmte – nicht hart, nicht brutal. Sicher.
Ich hätte ihn gern gefragt, warum er mir das erzählt hatte. Ob er es bereute. Ob er es testen wollte. Oder ob es etwas war, das ihm selbst entglitten war – ein Geständnis ohne Absicht.
Aber ich sagte nichts.
Ich trug ein schönes Liebeslied in mir. Ich hielt es verborgen, nicht aus Scham, sondern aus Vorsicht. Schönheit war hier gefährlich. Wahrheit erst recht. In Sizilien durfte man nicht sagen, was man fühlte – nicht 1926, nicht, wenn man bleiben wollte.
Und während wir gingen, biss ich mir auf die Lippen.
Aus Angst.
Nicht diese Angst, die laut wird, sondern die leise, präzise: die weiß, dass ein falsches Wort reicht. Dass Wahrheit Zähne kosten kann. Dass etwas, das vielleicht möglich wäre, nicht sanft zerbricht, sondern mit einem trockenen, endgültigen Knacken.
Ich biss mir erneut auf die Lippen.
Das Licht lag schräg zwischen den Bäumen. Die Olivenblätter wurden weich gezeichnet, die Schatten länger, der Tag verlor seine Härte. Nur mein Körper blieb gespannt, als hielte er etwas fest, das längst vorbei sein sollte.
Ich sah zu Giorgio hinüber, ohne den Kopf zu drehen – nur aus dem Augenwinkel. So sieht man jemanden an, den man nicht ansehen darf.
Er ging ruhig. Schwer. Erdnah. Schweiß hatte seine Haut an manchen Stellen dunkler gefärbt, und als der Wind richtig stand, roch ich ihn: Sonne, Salz, Arbeit. Eine Männlichkeit, die nichts verlangte und gerade deshalb alles auslöste.
Und sofort war er wieder da, dieser Satz aus seinem Traum.
Auf den Knien.
Mein Atem stockte.
Ich hatte gekniet - vor der Kirche, vor dem Altar. Als Kind. Knie auf kaltem Stein, Hände gefaltet, Blick gesenkt, Gott über mir.
Es fühlte sich ähnlich an – und doch vollkommen falsch und richtig zugleich. Nicht Demut. Anbetung. Ein Gebet, das mein Körper kannte, bevor mein Verstand es einordnen konnte.
Er ist es, dachte ich.
Weil er neben mir ging wie ein lebendiges Feuer und ich war nur Luft, zu nah an der Flamme.
Ich wollte knien. Ich wollte beten. Ich wollte fallen. So tief, dass mein Name keine Rolle mehr spielte. So, wie er mich in seinem Traum gesehen hatte.
Ich biss mir auf die Lippen, bis es schmerzte.
Peppina schnaubte leise. Das Geräusch holte mich zurück.
Giorgio sah nach vorn und nach hinten, als prüfe er den Weg, den er im Schlaf kannte. Dann ein kurzer Blick zu mir – er blieb hängen. Einen Moment zu lang, um zufällig zu sein. Ich schaute auch zurück. Wir waren alleine.
Zwischen unseren Schritten lag ein Schweigen, das nicht leer war. Es war voll – vom Traum, von dem, was keiner von uns aussprach.
Dann sagte Giorgio, als wäre es ein gewöhnlicher Gedanke:
„Und… was machst du eigentlich mit dem alten Steinhaus deiner Großeltern?“
Seine Stimme war ruhig. Sachlich. Bewusst sachlich. Als würde er einen Faden wählen, der nicht brannte.
Ich brauchte einen Moment.
Das Haus meiner Großeltern. Der Geruch von Leinen und Staub. Das Leben zweier Menschen, die nicht mehr da waren. Und jetzt: meine Entscheidung.
„Willst du es verkaufen?“, fragte er. Jetzt sah er mich wirklich an. „Oder behältst du es für dich allein?“
Allein.
Das Wort legte sich mir in den Nacken wie eine Hand.
Ich wollte nicht mehr allein sein. Ich wollte neben ihm sein – ihn immer sehen, riechen und um mich herum haben. Das Haus meiner Großeltern, das seinem Haus gegenüber stand, war das einzige Alibi, das ich hatte, um in seiner Nähe zu sein. Das Haus meiner Eltern war im Zentrum des Dorfs. Zu weit von hier oben.
Ich sagte, was ich sagen durfte.
„Nein“, sagte ich ruhig. „Ich verkaufe es nicht.“
Giorgio nickte, kaum merklich.
„Ich bleibe“, fügte ich hinzu. „Es gibt genug zu tun. Ich muss Kisten sortieren. Kleidung… und aufräumen.“
Beim Wort Kleidung dachte ich an seine große Hose. An das, was sie hielt. Wie sehr ich ihn ohne sie sehen wollte.
Ich rettete mich mit einem Grinsen:
„Für dich ist da sowieso nichts dabei.“
Giorgio hob eine Augenbraue. „Wie meinst du das?“
„Du bist zu breit“, sagte ich. „Zu groß. Alles wäre dir viel zu klein. Du könntest in nichts reinschlüpfen. Deine Muskeln würden alles sprengen“, antwortete ich ehrlich.
Er lachte.
„Ja, Da hast du recht“, sagte er.
Dann, fast beiläufig: „Die hier ist übrigens die letzte.“
Ich sah ihn an. „Wie meinst du das?“
Er deutete mit dem Kinn nach unten und fasste die Hose am Saum, zog sie ein wenig nach vorne.
Ich konnte nicht anders, als auf den Spalt zu sehen, den er bildete.
Für einen kurzen Moment dachte ich, er würde mir zeigen, was sie verbarg.
„Das ist meine letzte ganze Hose“, sagte er. „Die anderen… sind gerissen. Durch die Arbeit. Das Klettern. Die Spannung.“ Er atmete kurz aus. „Ich muss mir dringend neue machen lassen. Wenn ich wieder Geld hab.
Sein Ton war sachlich, aber ich hörte trotzdem etwas darunter: Müdigkeit. Vielleicht auch Stolz. Er war ein Mann, der nichts wegwarf, solange es noch zu gebrauchen war.
Er sah nach vorne, nicht zu mir, aber ich spürte, dass er trotzdem wusste, dass ich jedes Wort einsog.
„Ich kann ja nicht jeden Tag halb nackt rumlaufen“, sagte er trocken.
Der Satz war ein Witz. Ein einfacher Satz.
In mir schnitt er aber tief. Wie ein heißes Messer, das durch Butter schneidet.
Nackt. Ohne Kleidung. So wie ihn Gott geschaffen hatte.
Ich biss mir auf die Lippen.
Ich sah ihn wieder unter den Olivenbäumen stehen. Nicht nur oberkörperfrei – sondern in einer Vorstellung, die mir sofort zu heiß wurde. Verschwitzt, gekleidet nur in einem Netz von Adern, das mich fing, ohne dass er es wollte. Ich hätte nichts dagegen gehabt, ihn jeden Tag nackt rumlaufen zu sehen, aber: „Das Dorf würde reden“, sagte ich leise – eher laut denkend.
Giorgio lachte kurz. Härter diesmal. „Das Dorf redet immer.“
Dann ruhiger: „Aber ja. Du hast recht.“
Und da war sie wieder, die Realität. Sie würden über ihn reden, auch wenn er ihnen nichts nehmen würde.
Der Traum war trotzdem noch da. Still. Schwer. Brennend heiß wie ein Feuer, das alles in mir zum Kochen brachte.
„Du warst auf den Knien.“ Dieser Satz ließ mich einfach nicht los. Ich hörte ihn immer wieder in meinem inneren Ohr. Mein Körper reagierte darauf, als wäre es Gegenwart. Als hätte Giorgio mir nicht nur einen Traum erzählt, sondern eine Möglichkeit gezeigt und sie sofort wieder verschlossen.
Ich wollte fragen. Warum kam ich kniend in deinem Traum vor? Warst du darin nackt – war ich es? Hattest du mich wirklich nur mit Äpfeln gefüttert? Ich wollte sagen: Ich bin nicht nur hungrig nach deinen Äpfeln. Ich wollte sagen, zieh deine Hose aus und lass mich vor dir knien. Jetzt. Warum hast du den Weg geprüft?
Aber das Risiko saß mir im Nacken.
Und doch, in seiner Frage nach dem Haus, in seinem Lachen, in seinem Blick, in dieser Offenheit über zerrissene Kleidung lag etwas wie ein Faden. Eine Möglichkeit.
Wir kamen dem Dorf näher. Aus der Ferne hörte man Stimmen, einen Hund, Metall auf Stein.
Ich sah ihn an. Diesmal länger. Das letzte Licht traf sein Gesicht. Seine Augen wirkten heller – wie Meer unter Sonne. Vielleicht nur der Himmel, der sich darin spiegelte. Vielleicht mehr.
Giorgio sah zu mir und hielt den Blick. Einen Herzschlag. Dann noch einen.
„Du bleibst also“, sagte er.
„Ja“, sagte ich entschlossen, ohne überlegen zu müssen.
Er nickte. Ein kleines Lächeln, kaum sichtbar.
„Gut.“
Nur dieses Wort.
Nicht „Gut für die Arbeit“. Nicht „Gut fürs Land“.
Nur „Gut“.
Ich biss mir auf die Lippen, um nicht zu hoffnungsvoll zu lächeln. Denn Hoffnung war gefährlich.
Aber sie war da.
Wie der letzte Streifen Sonne. Wie ein verbotener heißer Apfel. Wie ein Traum, den man nicht träumen sollte und den der Körper trotzdem träumt.
Wir gingen weiter. Richtung Dorf. Richtung Regeln.
Und ich ging neben ihm. Schweigend. Brennend. Mit einer Wahrheit in mir, die ich nicht aussprechen durfte.
Und einem Gebet, das ich nicht laut sprach, sondern nur in mir hielt:
Mein Gott, lass mich vor ihm knien.
Und lass mich beten.
