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EPISODE 12 – REITET JUNGS, REITET!

  • Autorenbild: Enzo
    Enzo
  • 15. Feb.
  • 5 Min. Lesezeit



Ich galoppierte auf einem schwarzen Pferd, und der Strand war leer. Kein Fischer, kein Boot, keine Fußspuren in feinem Kies – nur diese endlose Linie aus Wasser und Land, die im ersten Licht der Dämmerung fast silbern wirkte.


Das Pferd unter mir war warm und lebendig, ein einziges, kraftvolles Wesen aus Muskel und Atem. Ich spürte seinen Rücken arbeiten, spürte das elastische Heben und Senken, das mich trug, als wäre ich Teil von ihm. Jeder Galoppsprung war ein Stoß durch meinen Körper, aber keiner tat weh. Es war nicht dieses harte Reiten, das einen durchschüttelt – es war fließend, rhythmisch, wie ein Lied, das man nicht hört, sondern im Brustkorb fühlt.


Die Hufe schlugen in Kies, und jedes Mal sprühte er in feinen, dunklen Tropfen nach hinten. Salz lag in der Luft, schwer und rein, vermischt mit dem Geruch von Algen und dem kühlen Atem des Meeres. Der Wind kam vom Wasser herüber und strich über mein Gesicht.


Hinter mir war Giorgio. Ich sah ihn nicht – ich spürte ihn an meinem nackten Rücken, als wäre sein Körper eine zweite, warme Hautschicht über meiner. Die Wärme seiner Brust, die sich bei jedem Atemzug an mich legte; die ruhige Schwere seiner Präsenz, die nicht drängte und nicht zog, sondern einfach hielt.


Seine Arme waren um mich. Ich fühlte mich so beschützt und wohl in der Wärme seines Körpers. Ich sah nur seine Hände, wie sie meine und die Zügel hielten. Und sie hielten alles so, wie Giorgio alles hielt: ruhig, sicher, ohne Hast.


Sein Atem war an meinem Ohr. Warm. Gleichmäßig. So nah, dass ich das Gefühl hatte, seine Lippen würden bald an meinen Ohrläppchen knabbern.


Ich fühlte mich beschützt. Als wäre ich in eine Decke gehüllt, die nicht aus Stoff besteht, sondern aus einem Menschen.


Nicht durch Worte. Nicht durch Versprechen. Sondern durch dieses einfache, körperliche Wissen: Hinter mir ist jemand, der stärker ist. Jemand, der mich trägt, ohne es zu sagen.


Das Pferd galoppierte, und der Strand flog an uns vorbei. Links das Meer, rechts die Dünen, und alles war weich. Selbst das Licht war weich. Es war diese Stunde, in der die Welt noch nicht entschieden hat, welche Farben sie tragen will. Der Himmel war blassrosa, der Horizont wie eine feine, dunkle Linie.


Ich musste nicht sprechen.

Ich musste nichts erklären.

Ich musste nur sitzen, atmen, fühlen.


Und ich dachte: So fühlt sich das Paradies an. Nicht in Äpfeln, nicht in Worten, sondern in Nähe, die nicht fragt, ob sie erlaubt ist. In einem Körper hinter mir, der mich ohne Urteil hält. In einer Wärme, die mich so vollständig umschließt, dass sogar die Angst leiser wird.


Der Galopp wurde schneller.

Oder vielleicht war es nur mein Herz.


Und genau da, mitten in dieser weichen, romantischen Stille, kam das Geräusch.


Ein Motor.


Tief. Fremd. Falsch am Strand.


Erst war es nur ein Brummen, wie ein Tier in der Ferne. Dann wurde es lauter, näher, metallischer. Die Luft vibrierte plötzlich anders, und das Pferd unter mir spannte sich an, als hätte es die Gefahr schneller verstanden als ich.


Ich sah nach rechts.


Neben uns, dort, wo kein Auto sein sollte – fuhr ein schwarzer Wagen.


Glatt. Dunkel. Ohne Staub. Als wäre er nicht gefahren, sondern einfach erschienen.


Er hielt nicht Abstand. Er fuhr mit uns, als hätte er uns gesucht. Als hätte er gewusst, dass wir hier sind.


Das Geräusch seines Motors war so dicht, dass es den Rhythmus der Hufe verschluckte. Der Wind, der eben noch nach Salz gerochen hatte, roch plötzlich nach Öl und heißem Metall. Und ich spürte, wie sich Giorgio hinter mir veränderte: nicht sichtbar – aber in der Spannung seiner Hände. Seine Wärme blieb, aber sie war nicht mehr nur Schutz. Sie war jetzt… Bereitschaft.


Ich drehte den Kopf nochmals zum Wagen, und der Blick in seine Fenster war wie ein Stich.


Ich sah niemanden.

Keine Gesichter. Keine Augen.

Nur Spiegelung.


Im dunklen Glas sah ich mich – Enzo – vorne auf dem Pferd, und hinter mir sah ich Giorgio, als Schatten und Körper, dicht, groß, an meinem Rücken. Und diese Spiegelung war nicht ruhig. Sie war verzerrt, zitternd, panisch, als würde das Glas nicht nur Licht zurückwerfen, sondern Angst.


Ich bekam kaum Luft.


Der Wagen kam näher.

So nah, dass ich glaubte, sein Lack würde gleich meine Haut streifen. Er fuhr nicht nur neben uns – er drängte. Er spielte mit dem Abstand. Er nahm ihn mir, Zentimeter für Zentimeter, als wolle er testen, wie schnell wir brechen.


Das Pferd schnaubte und sein Galopp wurde unruhiger. Der Strand, der eben noch endlos gewesen war, fühlte sich plötzlich an wie ein Korridor, der enger wird.


Der Wagen zog ein Stück vor.

Er wollte uns den Weg abschneiden.


Ich spürte, wie Giorgios Atem an meinem Ohr schneller wurde. Seine Hände zogen die Zügel leicht nach links.


Näher ans Wasser.


Der nasse Kies wurde schwerer, die Hufe rutschten einen Atemzug lang weg, und die Kiesel rollten unter den Eisen. Das Meer war auf einmal nicht mehr schön. Es war eine Kante, ein Risiko. Aber es war der einzige Raum, den der Wagen uns ließ.


Wir galoppierten direkt an der Wasserlinie entlang, so nah, dass die Wellen unsere Beine kühlten. Der Wagen folgte. Unmöglich, absurd – und doch da.


Ich sah wieder ins Fenster.


Wieder nur Spiegelung. Und in dieser Spiegelung sah ich etwas, das mich erschreckte: Ich galoppierte alleine auf dem Pferd, obwohl ich Giorgio immer noch fühlte.


„Lass mich nicht alleine! Verschwinde nicht!“ schrie ich.


Ich schaute wieder nach vorne.


Und dann – von der anderen Seite, aus dem Meer, als würde das Wasser selbst sich entscheiden gegen uns zu sein – kam eine Welle.


Keine normale Welle. Keine, die sanft bricht und wieder zurückzieht. Sondern eine, die sich aufbäumte wie eine Wand. Eine dunkle, schwere Masse, die plötzlich groß wurde, als hätte das Meer einen Körper bekommen.


Ich hörte das Tosen, zu spät.


Das Pferd rutschte.

Nur einen Moment. Nur ein falscher Tritt auf dem rollenden, nassen Kies.


Der Wagen kam noch näher, als würde er diesen Moment brauchen, um zuzupacken.


Die Welle traf mich.


Kalt wie ein Schlag.

Schwer wie eine Hand, die einen nach unten zieht.


Wasser füllte mir Mund und Nase. Salz brannte.


Meine Augen öffneten sich reflexartig, und ich sah meine nackten Füße in einem Bett.


Es ging einen kurzen Moment, bis ich realisierte, dass ich nur geträumt hatte. Dass ich im Haus meiner Großeltern geschlafen hatte.


Mein Körper war nass vor Schweiß. Ich saß aufrecht im Bett, die Hände verkrampft in der Decke, als würde ich noch immer Zügel halten. Mein Herz raste.


Es war bereits hell im Zimmer. Nicht das grelle, harte Licht des Tages, sondern dieses frühe, vorsichtige Licht, das noch nicht entschieden hat, ob es warm oder kalt sein will. Es lag wie ein dünner Schleier über den Dingen, machte Kanten weich – und doch fühlte sich alles schärfer an als sonst.


Die Luft im Schlafzimmer roch nach altem Leinen, nach Staub, nach der Seife meiner Nonna Angela, die es eigentlich nicht mehr geben konnte und trotzdem da war, irgendwo in den Ritzen. Ein Geruch, der nach Heimat klingt, wenn man klein ist – und nach Verlust, wenn man zurückkommt.


Ich drehte meinen Blick nach unten.


Da lag er.


Der alte, ausgewaschene Socken meines Großvaters.


Ein Stück Stoff, das gestern noch nur ein Socken gewesen war – und heute wie eine Beichte dalag. Still. Schamlos. Voll von dem, was niemand sehen durfte. Ein stummes Zeugnis meines Überdrucks, meines Hungers, meiner Verzweiflung, die sich in der Nacht einen Ausweg gesucht hatte, weil sie sonst weh getan hätte.


Ich fuhr mir über das Gesicht, als könnte ich das Gefühl von diesem Alptraum von meiner Haut wischen.


Und da hörte ich es wieder. Dieses Motorgeräusch. Nicht mehr im Traum. Von draußen. Tief. Schwer. Langsam.

 
 

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