EPISODE 7 - ER WUSSTE ES NICHT
- Enzo

- vor 4 Tagen
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SONG
GESCHICHTE
Giorgio unterbrach meine Hoffnung, dass er dasselbe wollte wie ich, indem er sich plötzlich abwandte und vom Ast sprang, auf dem wir gesessen hatten.
Leicht, fast lautlos, landete er im trockenen Gras. Ein Hauch von Staub stieg auf. Mit ihm meine Enttäuschung.
Er sah zu mir hoch. In seinem Blick lag etwas Verschlossenes, fast Unbehagliches, als hätte ich eine Grenze berührt, ohne zu wissen, wo sie verlief. Hatte ich mich verraten? Hatte ich ihn missverstanden? Ich konnte es nicht deuten.
„Komm“, sagte er schliesslich. Seine Stimme war ruhig. „Die Arbeit wartet nicht. Lass uns die Oliven pflücken. Sie sind reif.“
Er ging voraus, und ich folgte ihm zu einem Teil des Grundstücks, den ich noch nicht kannte. Hinter einer niedrigen Steinmauer stand fast versteckt ein kleines Häuschen, gedrungen, aus groben Steinen gebaut. Fensterlos. Verschlossen.
Giorgio ging zu einem Steinhaufen und hob mit einer selbstverständlichen Bewegung einen Stein an, unter dem ein Eisenschlüssel verborgen lag. Ich staunte darüber, dass er mir schon so viel Vertrauen entgegenbrachte.
Er ging zur Tür. Das einfache Schloss war alt, dunkel vom Gebrauch. Metall kratzte leise im Schloss, als er den Schlüssel drehte und den Riegel zurückschob.
Das Holz knarrte, als er die Tür öffnete.
Drinnen roch es nach Staub, Leinen und alter Arbeit. Selbstgezimmerte Gestelle aus Holz zogen sich an den Wänden entlang. Netze lagen sauber zusammengelegt, Stangen lehnten an der Wand, Körbe standen ordentlich gestapelt. Werkzeug. Alles griffbereit. Nicht viel, aber alles hatte seinen Platz. Ein Ort für Dinge. Für das, was man brauchte, um das Grundstück zu bewirtschaften und es zu sichern.
Es war nicht chaotisch. Das imponierte mir und gefiel mir auf eine Weise, die ich nicht ganz erklären konnte. Sein Eigentum hatte für ihn Wert, und er behandelte es entsprechend. Auch der Boden war auffallend sauber, offenbar mit einem selbst gemachten Besen gekehrt, der ebenfalls ordentlich an seinem Platz lehnte.
„Wow“, sagte ich leise, fast unbedacht. „Bei dir ist alles so geordnet und sauber.“
Er sah mich an, zog eine Augenbraue leicht hoch und lächelte, als hätte ich etwas ausgesprochen, das für ihn so selbstverständlich war, dass es keiner Erklärung bedurfte.
Dann griff er nach den Netzen. Grob geknüpft, schwer, handgemacht.
„Die sind alt“, sagte er beiläufig. „Mein Vater hat sie schon benutzt.“
Ich nahm ein Ende, und half ihm, sie zu tragen. Die Netze lagen schwer in meinen Händen, als trügen sie Erinnerung in jeder Masche. Staub von Jahren, Sonne von Sommern, Schweiss von Männern, die nichts erzählten und alles taten.
Draussen breiteten wir sie unter den Bäumen aus, sorgfältig und ohne viele Worte. Wir arbeiteten in einem Rhythmus, der nicht diskutierte. Netze ziehen, glattstreichen, Ecken sichern.
Er nahm die lange Stange und stellte sich an den Stamm. Breitbeinig. Sicher. Ein Mann, der wusste, wie man es richtig macht.
Er schüttelte die Äste. Nicht grob. Nicht hastig. Ich staunte, wie er die dicken Äste mit einer scheinbaren Mühelosigkeit zum Zittern brachte. Kraft ohne Eile. Kontrolle ohne Show. Die Oliven fielen in dichten Schüben dumpf ins Leinen, ein dunkler Regen, der schwer klang.
„Hol bitte ein paar Körbe, während ich die Oliven weiter runterschüttle“, sagte er, ohne innezuhalten.
Ich mochte seine klaren Anweisungen. Sie liessen keinen Raum für Zweifel. Sie waren wie eine Hand auf meinem Nacken, nicht hart, aber unmissverständlich.
Ich rannte fast zurück zum Häuschen, holte Körbe, und merkwürdigerweise vermisste ich ihn schon. Kaum war er ausser Sicht, wollte ich zurück. Ich wollte ihn sehen, bei ihm sein.
Als ich zurückkam, sah ich ihn mit erhobenen Armen, wie er bereits den letzten Ast des Baumes schüttelte und dieser sich seinem Willen fügte. Das Netz lag voll mit Oliven. Es ging so viel schneller als bei mir.
„So“, sagte er schliesslich, liess die Stange sinken, „und nun alles in die Körbe.“
Wir zogen die Netze zusammen und schütteten die Oliven in die Körbe. Die Hitze hing über uns wie ein Gewicht, und doch war es nicht nur die Sonne, die mich innerlich brennen liess.
„Du arbeitest immer allein?“ fragte ich irgendwann, so beiläufig, dass es fast harmlos klang.
„Meistens … nein, eigentlich immer, seit mein Vater zu alt dafür ist“, sagte er.
Ich zog das Netz zusammen, hob es an, bis die letzte Olive zum Korb rollte. Meine Hände waren staubig, meine Kehle trocken, und trotzdem war es nicht Durst, der mich innerlich spannte.
Wir nahmen das Netz und legten es unter den nächsten Baum. Er schüttelte den nächsten Ast.
Ich wartete. Dann fragte ich weiter. Vorsichtig. Tastend.
„Bist du eigentlich immer allein?“
Er schüttelte, ohne mich anzusehen. „Wie meinst du das?“
„Ich meine … krm, krm…“ Meine Stimme klang einen Hauch zu hell. Ich hasste es. „Hast du keine Verlobte?“
Er hielt kurz inne. Die Stange ruhte am Stamm, als müsste auch sie zuhören.
„Nein“, sagte er schliesslich. „Offenbar ist mir die Richtige noch nicht begegnet.“
Etwas in mir ging auf, klein, gefährlich, wie ein Funke in trockenem Gras. Und trieb mich weiter, obwohl ich wusste, dass ich besser hätte schweigen sollen.
„Also … auch nicht für ein bisschen … Spass?“
Er sah mich an. Nur einen Augenblick. Sein Blick war ruhig, aber geschlossen, wie eine Tür, die man nicht öffnen sollte.
„Nein“, sagte er. „So bin ich nicht.“
Eine kurze Pause.
„Und ich möchte nicht, dass die Leute reden.“
Er wandte sich wieder dem Baum zu, als wäre das damit erledigt. Als wäre das Gespräch ein Netz, das man zusammenfaltet und wegräumt, bevor es Staub fängt.
„Mein Bruder ist da anders.“
„Dein Bruder?“ fragte ich, und in meinem inneren Auge sah ich eine Kopie von ihm.
Er lachte leise. Trocken. „Salvatore. Der nimmt, was ihm begegnet.“
Er schüttelte den Ast härter, als nötig. „Ich will gar nicht wissen, wie viele Kinder im Dorf eigentlich von ihm sind. Er hat seinen Ruf.“
„Ein Casanova?“ fragte ich.
Giorgio schnaubte. „Casanova würde alt aussehen gegen ihn.“
Dann, fast müde: „Und der ganze Stress mit diesen Frauen … ich weiss nicht, wie viele Hoffnungen er zerstört hat. Er wird wohl schon das halbe Dorf in seinem Bett gehabt haben.“
Ich sah ihn an. Giorgio. Ein Mann, den sicher jede wollte. So selbstverständlich, wie ich ihn wollte, und auch für sie so unerreichbar.
Wir arbeiteten weiter. Baum um Baum. Netz um Netz. Korb um Korb. Die Stunden wurden noch langsamer, als würde die Zeit in der Hitze stehenbleiben und nur wir bewegten uns noch darin. Mit jedem Baum wurde mein Bedürfnis nach seiner Wahrheit drängender. Verzweifelter.
„Und keine einzige im Dorf hat dir je gepasst?“ fragte ich.
Zu direkt. Ich merkte es sofort.
Er antwortete nicht. Zog das Netz zusammen. Schüttete Oliven aus.
Dann sagte er, ohne mich anzusehen: „Die Leute reden zu viel. Jeder weiss alles. Ich lebe gut allein.“
Ein Atemzug.
„Ich habe meine Ruhe. Und ehrlich gesagt … ich arbeite zu viel, um jemanden zu suchen, und verdiene zu wenig, um sie zu ernähren.“
Ich schluckte. Und doch liess ich nicht los, als hätte mein Inneres beschlossen, dass es lieber verbrannt als still sein würde.
„Und wenn dir eine Person begegnen würde“, fragte ich leise, „die anders ist?“
Er spannte den Kiefer an. „Anders als was?“
„Als das, was man erwartet.“
Ein Moment. Nur das dumpfe Fallen der letzten Oliven im Netz.
Dann sagte er ruhig, endgültig: „Ich habe keine Erwartungen. Aber die haben wohl Erwartungen. Ich bin ein armer Bauer, Junge.“
Er hob den Korb an. „Komm. Noch diese Oliven, dann sind wir fertig.“
Es war keine Einladung, weiter zu fragen. Es war ein Ende.
Und trotzdem: Mit jeder Bewegung, die er machte, zog er mich tiefer hinein. Sein Rücken, seine Arme, die Art, wie er atmete, als gehörte ihm auch die Luft und er gehörte niemandem. Ich sah seine grossen Hände, staubig, stark, sicher, und ich wusste, dass ich ihm nicht sagen konnte, was in mir brannte. Dass ich es nicht riskieren konnte. Nicht hier. Nicht 1926.
Er wusste es nicht. Er wusste nicht, was in mir brannte.
Er wusste nicht, wie seine Berührung, selbst die zufällige, selbst die, die nur aus Arbeit entstand, mich befreien konnte, weil sie mich zugleich band. Er wusste nicht, dass er für mich Himmel war und Hölle. Dass ich mich nach ihm sehnte wie nach Wasser, und dass jeder Gedanke an ihn mich verbrannte.
Und plötzlich dachte ich an Abraxas. Ich hatte den Namen einmal gelesen, in einem Buch, das ich nie ganz verstanden hatte: ein Wesen, hiess es dort, das Licht und Dunkelheit zugleich in sich trug, Tag und Nacht, Himmel und Hölle in einer Gestalt vereinte. Damals war mir das zu widersprüchlich erschienen, zu gefährlich gedacht.
Und jetzt stand das Geheimnis von Abraxas vor mir.
Giorgio war für mich genau das. Ein heisses Feuer im Himmel und kühles Wasser in brennender Hölle. Etwas, das mich trug und prüfte, rettete und verurteilte, ohne es zu wollen. Vielleicht hatte Abraxas recht. Vielleicht gibt es keinen Tag ohne die Nacht.
Denn in ihm lag alles, was ich mir erhoffte, und alles, was mir verwehrt blieb. Er war das Licht, das mich sehen liess. Und der Schatten, in dem ich nicht atmen konnte.
Vielleicht ist Liebe genau das, nicht Reinheit, sondern Ganzheit.
Wir trugen die vollen Körbe in das Häuschen, legten die Netze zusammen, verräumten alles. Er schwitzte. Die Sonne stand tief, das Licht wurde weicher, doch der Tag war immer noch zu hell und die Luft zu heiss.
Ich war so gefangen in meinen Gedanken, dass ich die Hitze kaum spürte. Zu sehr wollte ich wissen. Und wusste nicht, wie ich noch näher kommen konnte, ohne alles zu zerstören.
„Die Sonne macht mich fertig“, sagte er schliesslich. „Ich leg mich kurz hin.“
Er liess sich unter einem Olivenbaum in den Schatten sinken und schloss die Augen, als könne er die Welt einfach abschalten, im Gegensatz zu mir.
Ich setzte mich in seine Nähe und zitterte innerlich. Meine Furcht war gross. Grösser als das Vertrauen, das mein Herz ihm bereits schenkte.
Ein leichter Abendwind kam auf. Über uns schwankten die Äste, und das Tageslicht hing schon tief zwischen den Blättern. Die Schatten wurden länger. Die Welt wurde leiser.
Und noch immer wusste er es nicht, was er für mich war. Und immer noch wusste ich nicht, ob ich für ihn je der sein könnte, der ich so sehr sein wollte.


