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EPISODE 4 - AN SEINEM TISCH

  • Autorenbild: Enzo
    Enzo
  • 31. Dez. 2025
  • 5 Min. Lesezeit

SONG





Wir saßen am Tisch.


Der Krug mit Wasser stand zwischen uns, ein paar Tropfen liefen an der Außenseite hinab und hinterließen dunkle Ringe auf dem Holz. Ich hielt mein Glas mit beiden Händen, als müsste ich es festhalten, damit ich nicht nach ihm griff.


Giorgio trank. Viel.


Immer wieder setzte er das Glas an, als wäre in ihm eine Hitze, die nur das Wasser bändigen konnte. Sein Adamsapfel bewegte sich bei jedem Schluck, und ich erwischte mich dabei, wie ich dem Weg des Wassers nachspürte, als könnte ich sehen, wie es durch seinen Körper floss.


„Du trinkst echt viel Wasser“, sagte ich irgendwann, mehr um irgendetwas zu sagen, als weil es wichtig gewesen wäre.


Er grinste, legte den Kopf leicht schief. „Ja. Und entsprechend oft muss ich auch aufs Klo.“


Wir lachten. Es war ein einfaches, warmes Lachen, das sich in der kleinen Küche ausbreitete, als wären die Mauern daran gewöhnt. Ich stellte mir vor, wie er dann wohl dastand – breitbeinig, fest verwurzelt wie ein Baum. Wenn alles wieder rausmusste. Der Gedanke ließ mein Gesicht heiß werden, aber ich senkte nur kurz den Blick und tat so, als würde ich die Wasserflecken auf dem Tisch studieren.


„Ich bin Apfel- und Olivenbauer“, sagte er nach einer Weile, als wäre das die logische Erklärung dafür, so viel zu trinken. „Ich hab die besten Äpfel der Welt.“


Ich lächelte, froh über jeden Satz, an den ich mich hängen konnte. „Sagen das nicht alle hier von sich?“


„Nein“, sagte er ruhig, ohne eine Spur von Ironie. „Nur ich.“


Wir lachten wieder. Sein Lachen war tiefer als meins, sicherer. Es füllte den Raum. Meins klang daneben wie etwas, das noch üben musste, überhaupt da sein zu dürfen.


„Weißt du, warum meine Äpfel so gut sind?“ fragte er dann, und seine Augen funkelten einen Moment wie das Licht im Wasser.


„Weil du so viel arbeitest?“ versuchte ich.


„Weil ich so viel pinkle“, sagte er trocken.


Ich verschluckte mich fast am Wasser. „Was?“


Er zuckte mit den Schultern, als rede er über das Wetter. „Ich muss ja irgendwohin damit. Und was gibt es Einfacheres, als an die eigenen Bäume zu pinkeln, wenn man eh den ganzen Tag draußen ist?“


Ich starrte ihn an. Erst war ich mir nicht sicher, ob er nur einen Witz gemacht hatte. Dann lachte er – dieses offene, unverlegene Lachen – und ich konnte nicht anders, als mitzulachen.


„Das ist doch kein ernstgemeinter Düngeplan“, sagte ich.


„Oh doch.“ Er stützte die Unterarme auf dem Tisch, beugte sich ein Stück näher zu mir. „Dein Nonno hat immer gesagt: ‘Ein Mann, ein Baum, und die Natur erledigt den Rest.’“ Seine Stimme veränderte sich, wurde ein wenig weicher. „Er hat mir das mal am Rande gesagt, als er mich mitten auf dem Feld mein Geschäft machen sah. Hat gemeint, wenn man schon ein Mann ist, soll man es wenigstens praktisch nutzen und die Bäume damit wässern , düngen und stärken und nicht Wasser geben, wo es niemand braucht.“


Ich sah ihn an. „Mein Nonno hat das gesagt?“


Giorgio nickte. „Er war ein weiser Mann. Hat viel weniger geredet als andere, aber wenn er was gesagt hat, war es nie umsonst.“


Etwas in mir wurde still. Die Vorstellung, dass mein Großvater mit ihm auf dem Feld gesehen hatte, ihm fast schon vertrauliche Tipps gegeben hatte, legte sich wie eine warme Decke über meine Unsicherheit. Die Verbindung, die ich vorher nur geahnt hatte, bekam plötzlich ein Gesicht. Ein Bild.


„Vielleicht hab ich deshalb die besten Äpfel“, fuhr Giorgio fort. „Eine Mischung aus guter Erde, Wasser…“ Er hob das Glas und prostete mir leicht zu. „…und Männerblase.“


Ich schüttelte lachend den Kopf. „Das ist wirklich… sehr effizient.“


„Sizilianisch“, korrigierte er. „Wir verschwenden nichts.“


Seine Worte waren halb Scherz, halb Wahrheit. Und doch spürte ich, wie sie tiefer griffen. Er sprach von Wasser, von Bäumen, von der einfachsten Art, sich zu erleichtern – und trotzdem war darin etwas, das sich nach Leben anfühlte. Nach Kreislauf. Nach einem Mann, der weiß, dass sein Körper zur Erde gehört und nicht darüber steht.


Er nahm einen weiteren Schluck, stellte das Glas ab und lehnte sich zurück. Die Stuhllehne knarrte leise. Ich beobachtete, wie seine Brust sich hob und senkte. Alles an ihm wirkte geerdet, schwer, sicher. So, als könnte nichts ihn so leicht aus dem Gleichgewicht bringen.


Ich wusste nicht, ob ich ihm gefiel.

Er war so anders als ich. So selbstverständlich Mann. So ruhig in seiner eigenen Haut.

Einer wie er – der konnte nicht sein wie ich, durfte es nicht sein. Und doch war da etwas, das zwischen uns stand, ohne uns zu trennen. Wie ein Tisch, der nicht hindert, sondern Abstand in Nähe verwandelt.


Die Katze streifte plötzlich meine Wade und tauchte dann unter dem Tisch hindurch zu ihm. Ich spürte, wie sie an seinen Füßen entlangschlich, hörte ihr leises Schnurren.


„Diese hier… ist immer an meinen Füßen“, sagte er und beugte sich runter, um sie kurz zu streicheln. „Wenn sie mal da ist.“


Ich sah auf seine Hand, wie sie im Halbdunkel unter dem Tisch ihre weichen Bewegungen machte. Eine einfache Geste. Und doch fühlte ich, wie mein Herz schneller schlug. Da war er wieder – dieser Zug nach unten. Weg vom Stuhl, weg vom Blick auf Augenhöhe.


Ich sah meine Gelegenheit. Und griff sie, als wäre es nichts.


„Sie mag dich wirklich“, sagte ich, stand langsam auf und ging um den Tisch, als wäre das die natürlichste Sache der Welt. Meine Knie fühlten sich weich an, aber ich ging einfach weiter.


Unterwegs streifte meine Hand kurz seine Schulterlehne. Nur Holz, aber in meinem Kopf war es seine Haut.


Ich bückte mich – ganz selbstverständlich – und streichelte die Katze, die sich sofort an meine Finger schmiegte. Direkt neben seinen Füßen. So nah, dass ich seine Wärme spüren konnte, selbst durch den Stoff seiner Hose hindurch.


Mein Kopf war nur eine Handbreit von seinem Bein entfernt.

Ich roch den leichten Duft von Staub, Erde und etwas, das ich nicht benennen konnte. Etwas, das nur er war.


Die Katze schnurrte, als gehöre sie hierher.

Und ich… ich spürte dasselbe.


Die Fliesen waren kühl unter meinen Knien. Sein Fuß stand fest daneben, braun vom Sommer, die Sehnen sichtbar, die Knöchel stark. Ein Mann, der wusste, wo er hingehört – zu seinen Bäumen, seiner Erde, seinem Wasser. Und ich, der Rückkehrer aus New York, der nicht mehr wusste, wohin mit sich, fand plötzlich einen Ort, an dem sich alles in mir beruhigte.


Nicht im Zentrum.

Nicht ihm gegenüber.

Sondern zu seinen Füßen.


Ich ließ meine Hand länger als nötig auf dem Fell der Katze ruhen, nur millimeterweit von seiner Haut entfernt. Jeder Atemzug von ihm war ein leiser, warmer Rhythmus in meiner Nähe. Er sagte nichts. Er zog den Fuß nicht weg. Er blieb einfach. Und gerade das machte mich weich.


Seine bloße Präsenz reichte aus, um genau dort sein zu wollen.


Ich dachte an seine Bäume, an das Wasser, das er trank, an das Lachen über seinen „Dünger“. An meinen Nonno, der ihm diesen Satz gesagt hatte. An Männer, die selbstverständlich in die Erde gaben, was sie nicht brauchten, und dafür Früchte bekamen.


Vielleicht war es das, was ich mir insgeheim wünschte:

Etwas von ihm, das ich tragen durfte.

Etwas, das durch mich floss, wie das Wasser durch ihn floss.

Eine Aufgabe, die so einfach war wie atmen, gehen – oder sich im Schatten seiner Kraft niederzulassen.


Er war die Stärke.

Ich war die Bewegung.


Und an seinem Tisch, neben seinen Füße, bei einem einfachen Glas Wasser, eine Katze streichelnd, wusste ich:

Dies reichte mir, um mich vollkommener zu fühlen, als ich es je zuvor in meinem Leben gewesen war.

Ich hätte Tagelang wie ein liebenswürdiger Wachhund diese wunderschönen Venen an seinen Füssen bewachen können.

Eine Katze hatte er ja schliesslich schon. Aber in die Nähe eines Wachhundes hätte sich nicht getraut und hätte ihn für mich alleine.


 
 

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