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EPISODE 5 – DER GESCHMACK DES PARADIESES

  • Autorenbild: Enzo
    Enzo
  • 3. Jan.
  • 7 Min. Lesezeit

SONG





Während ich noch an seinen Füssen die Katze streichelte frage er: „Hey, Junge, ich muss aufs Feld, Oliven pflücken. Willst du mitkommen und den Nachmittag mit mir ein bisschen abhängen?“


Es war, als würde in mir jemand ein Streichholz entzünden.

Mein Herz reagierte schneller als mein Kopf.


„Ja, gern“, sagte ich und stand sofort auf, und ich hörte selbst, dass die Reaktion zu prompt kam.


Er zog eine Augenbraue leicht hoch, als hätte er dieses Aufflackern in mir wahrgenommen und grinste mich an.

„Na dann los. Komm mit aufs Feld“, sagte er. „Die Zeit ist reif, die Olivenbäume warten auf uns.“


Er stand auf ich folgte ihm aus der Küche, durch den kühlen Flur hinaus in das grelle Licht des Tages. Der Weg war kurz, doch mein Atem war flacher als nötig. Es war nur ein bisschen Weg zwischen Haus und Stall – und fühlte sich für mich doch an wie ein Übergang von einem Leben ins andere. Ich durfte bei ihm bleiben.


Wir gingen zuerst in den Stall hinter dem Haus. Drinnen war es schattig, die Luft roch nach Heu, Tier, Holz und etwas Eisen. Ein Esel stand dort, und dicht bei ihm sein Junges, noch ein bisschen zu schmal, zu wacklig für seine großen Ohren.


„Das sind Peppina und ihr kleiner Principe“, sagte Giorgio lächelnd. „Der Junge ist noch etwas unbeholfen, aber charmant genug, um einen sofort für sich zu gewinnen.“


Er trat an das Fohlen heran und streckte die Hand aus. Das Tierjunge zögerte nur einen Moment, dann schob es seine weiche Schnauze in seine offene Handfläche, drückte sich dagegen, als würde es genau dort hingehören. Giorgio ließ die Finger locker, ließ sich beschnuppern, ließ knabbern. Sein Lachen war leise und warm, als der Kleine an seiner Hand herumkaute.


Ich beobachtete, wie sich diese nasse Schnauze in seiner Hand bewegte, wie selbstverständlich dieses kleine Wesen Nähe von ihm annahm und die Mutter sogar mich durch ihn zuliess. Eine Katze an seinen Füßen, ein Fohlen in seiner Hand – alles suchte ihn.

Ich fühlte mich ertappt bei dem Gedanken, dass ich genau dasselbe tat.


„Na, mein Kleiner“, murmelte er zu dem Fohlen, „keine Zeit heute, wir haben zu tun.“

Er zog seine Hand langsam zurück, gab dem Tier noch einen Abschiedsstrich am Hals und wandte sich „Peppina“ zu. Er bereitete den Esel vor und zog ihn mit.


„Komm“, sagte er. „Hinter dem Stall geht ein Pfad. Da lang.“


Wir verließen den Stall und bogen auf einen schmalen Weg ein, der hinter den Gebäuden entlangführte. Rechts eine niedrige Mauer, links trockenes Gras und ein paar verstreute Steine. Vor mir sein Rücken, seine Schultern, sein Nacken. Unter mir der Kies, der unter meinen Sandalen knirschte. Über uns der Himmel, der sich weit öffnete.


„Hast du Hunger?“ fragte er nach einer Weile, ohne stehenzubleiben.


Ich hatte Hunger. Aber nicht nach dem, woran er vermutlich dachte.


„Ja“, sagte ich. „Ein bisschen.“


„Gut“, meinte er, und ich hörte das Grinsen in seiner Stimme, auch wenn ich gerade nur seinen Hinterkopf sah. „Ich habe das Leckerste für dich, das du dir vorstellen kannst. Wenn wir da sind, zeige ich dir, wie Paradies schmeckt. So etwas Einzigartiges hattest du noch nie in deinem Mund.“


Ich stolperte beinahe über einen Stein.


„Paradies?“ wiederholte ich, ein wenig zu atemlos. „Was meinst du damit?“


Er sah kurz über die Schulter zu mir, seine Augen dunkel, ruhig, und doch lag darin ein Schimmer, den ich nicht deuten konnte. „Wirst du schon sehen“, sagte er nur. „Etwas Geduld. Alles zu seinem Zeitpunkt.“


Es klang nicht wie ein Scherz. Es klang wie ein Versprechen.


In meinem Kopf begannen Bilder zu wachsen, die ich nicht zulassen dürfte: wir beide irgendwo zwischen den Bäumen, niemand sonst in Sicht; seine Hand in meinem Nacken; mein Gesicht gegen seine Hüfte gedrückt; seine Stimme, die mir sagte, wo mein Platz ist. Mein Paradies. Ist er mein Paradies?

Ich wusste, dass ich mir zu viel ausmalte. Aber die Vorstellung kroch mir in die Knochen, heiß und schwer.


Der Pfad öffnete sich, und ich holte zu ihm auf, um neben ihm zu laufen. Nur Peppina, die Eselin, war zwischen uns. Wir sprachen nicht viel. Es war aber auch keine unangenehme Stille. Ich sah nur ihn vor meinem inneren Auge. Nackt. Mein Paradies.


Wir gingen eine Weile, und die Geräusche des Dorfes waren schon bald nicht mehr zu hören. Ich hatte keine Ahnung, wo sein Olivenhain lag, und wir folgten einem Weg, den ich noch nie gegangen war und nicht kannte.


„Hey, wir sind gleich da. Das da vorne ist mein Stück Land. Weiter hinten sind die Apfelbäume. Hier die Olivenbäume. Es sind nicht viele. So lange werden wir also nicht brauchen. Ich gebe dir bald etwas Paradiesisches.“ Vor uns lag der Olivenhain. Die Bäume standen in unregelmäßigen Reihen, knorrig und vertraut, ihre Blätter warfen ein silbriges Flirren in die Luft. Die Hitze war hier sanfter, vom Schatten gebrochen.


Giorgio blieb an einer Stelle stehen, wo der Boden eben war und zwei Bäume ihre Kronen beinahe ineinander verschränkten.


„Hier machen wir erstmal eine kurze Pause“, sagte er. Ich schaute mich um. Wir waren alleine. Es war ruhig. Was macht er als Nächstes, fragte ich mich.


Er öffnete eine Tasche am Esel und zog eine gefaltete Decke heraus – grober, etwas ausgebleichter Stoff, aber sauber. Mit einer fließenden Bewegung breitete er sie auf der Erde aus, so als hätte er das schon hundertmal getan.


„Setz dich“, sagte er.


Ich ließ mich auf die Decke sinken, etwas steifer, als ich wollte. Meine Knie fanden ihren Platz, meine Hände wussten es nicht so recht. Ich legte sie nebeneinander auf den Stoff, als müsste ich sie festhalten, damit sie nicht etwas Dummes tun. Er lächelte mich an. Er ging wieder zum Esel und holte einen Stoffsack aus der anderen Tasche des Esels. Er kam auf mich zu.


Giorgio stellte die Tasche auf die Decke und setzte sich neben mich, öffnete sie und legte ein paar Dinge vor sich hin: ein Stück Brot, ein kleines Säckchen mit Oliven, ein Messer, und ein in Tuch eingeschlagenes Bündel. Mit beinahe feierlicher Ruhe löste er das Tuch.


Darunter kamen Äpfel zum Vorschein. Rund, glatt, glänzend, als wären sie auf einem Gemälde gemalt und nicht aus Erde gewachsen.


„Die hier“, sagte er, und ich kannte inzwischen diesen Klang in seiner Stimme – diesen ruhigen Stolz eines Mannes, der nicht behauptet, sondern weiß. „Das sind die besten Äpfel, die du je essen wirst.“


Er lächelte dabei nicht groß, nur am Rand seines Mundes zuckte etwas. Aber ich spürte, wie viel Liebe in diesen Früchten steckte – in dem Boden, in dem sie wuchsen, im Wasser, das durch seinen Körper ging, bevor es ihre Wurzeln erreichte.


„Paradies“, fügte er hinzu. „So schmeckt es. Probier.“


Das Wort ließ mein Herz wieder schneller schlagen, diesmal leiser, tiefer in der Brust.

Ich nahm den Apfel aus seiner Hand. Seine Finger streiften dabei meine – nur kurz, aber mein Körper reagierte, als hätte mich jemand an eine Batterie angeschlossen.


Er selbst nahm sich auch einen. Seine Beine streckte er ein Stück aus; seine Füße waren nur eine Handbreit von meinem Oberschenkel entfernt. Staubig, gebräunt, vertraut. Ich spürte ihre Nähe beinahe körperlicher als den Apfel in meiner Hand.


„Beiß rein, Junge. Bin gespannt auf dein Urteil.“


Ich hob den Apfel. Die Schale war kühl, straff, glatt. Ein Teil von mir erwartete immer noch, dass etwas anderes passierte – dass er mich an sich zog, dass seine Hand auf meinen Nacken sank, dass aus diesem Wort „Paradies“ plötzlich etwas wurde, das nach Haut und Atem roch.


Stattdessen sah er mich einfach an. Ruhig. Wartend.


Ich biss hinein.


Die Schale knackte leise. Der Saft schoss mir in den Mund, süß, aber nicht klebrig; frisch, aber nicht säuerlich. Es war, als würde ein Stück Sonne unter meiner Zunge flüssig werden. Ich schloss kurz die Augen, weil der Geschmack mich überrascht hatte. Mehr als ich je gedacht hatte.


„Madonna…“, murmelte ich. „Du hast nicht übertrieben.“


Giorgio lachte kurz, zufrieden. „Hab ich dir doch gesagt“, meinte er. „Manche Dinge kann man nicht erklären. Die muss man im Mund gehabt haben.“


Ich verschluckte mich fast an dem Satz. In mir tobte etwas, das aussah wie das, was er mir versprochen hatte: ein besonderer Ort, ein Verbotenes, ein geheimer Garten, in dem ich ganz klein sein durfte und er alles.


Stattdessen saßen wir nebeneinander, aßen Äpfel, teilten Brot, reichten uns hin und wieder eine Olive. Der Wind strich durch die Blätter, warf wandernde Schatten über sein Gesicht. Sein Profil wirkte aus diesem Winkel noch stärker, die Linie seines Halses, das leichte Zucken der Kiefermuskeln, wenn er kaute.


Ich hatte mir etwas anderes eingebildet. Etwas mit mehr Haut, mehr Nähe, mehr Körper. Etwas, das eher nach etwas Verbotenem als nach Mittagspause roch.

Aber dieser einfache Tag – Decke, Bäume, sein leises Kauen, sein ruhiger Körper neben mir – nahm mir den Atem auf eine andere Weise.


Er bemerkte meinen Blick.


„Na?“ fragte er, ohne den Kopf zu drehen. „Bist du enttäuscht? Du hattest dir wahrscheinlich was Großes vorgestellt, als ich vom Paradies gesprochen habe.“


Ich spürte, wie mir das Blut ins Gesicht schoss. „Ich…“, setzte ich an, doch alle ehrlichen Antworten waren tödlich. „Ich hab nicht gewusst, was du meinst. Aber ich glaube, ich verstehe es jetzt. Deine Äpfel sind wirklich aus einer anderen Welt. Buchstäblich paradiesisch.“


Ich sah seine Hand, die das Brot brach, seine Finger, die den Stein aus der Olive lösten, seine Adern, die leicht hervortraten. Alles in mir schrie danach, gebraucht zu werden, mehr zu sein als nur der Junge, der neben ihm sitzt und isst. Ein Teil von mir wollte ihm sagen: Du bist mein Paradies, nicht der Baum, nicht der Apfel. Du.


Aber ich schwieg.

Ich biss noch einmal in meinen Apfel, obwohl ich nicht wirklich Hunger hatte. Doch der Geschmack war noch immer berauschend – süß, voll, fast zu perfekt. Und gleichzeitig merkte ich, wie etwas in mir bröckelte: die Illusion, er hätte mit seinem Wort „Paradies“ ein anderes Tor gemeint, eines, das sich nur für uns beide öffnet, geheim und unerlaubt.


In diesem Moment kamen mir Adam und Eva in den Sinn. So wie sie unweise in den Apfel bissen und ihr Paradies dadurch verloren. Und genau so fühlte ich mich auch. Durch den Apfel verlor ich in diesem Moment mein erhofftes Paradies. Ihn. Giorgio. Er wollte mir seine paradiesischen Äpfel zum Probieren geben. Nichts anderes. Und ich musste mir leider zugestehen, dass er nichts versprochen hatte, was er nicht gehalten hatte. Doch ich tröstete mich mit dem Wissen, dass in diesem Saft ein bisschen etwas von ihm drin war. Und vielleicht war es das, was diesen Apfel so unwiderstehlich machte.

 
 

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