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EPISODE 3 - DIE EINLADUNG

  • Autorenbild: Enzo
    Enzo
  • 28. Dez. 2025
  • 4 Min. Lesezeit

SONG





„Ich habe dich hier noch nie gesehen“, sagte Giorgio. Und legte seine Hand auf meine Schulter. Warm. Schwer. Ruhig.


Ich fühlte es als etwas, das schon immer dort hingehört hatte und jetzt nur seinen Platz wieder einnahm. Wie gut es sich anfühlte, von seinen großen, warmen Händen berührt zu werden.


Dann nahm er die Hand zurück – so schlicht, so selbstverständlich, als wäre der Moment vorbei, als hätte er mir bereits alles gegeben, was in diesem Augenblick zu geben war.


Die Stelle auf meiner Schulter vermisste seine Berührung sofort. Sie fühlte sich kälter an als der Rest meines Körpers, nackter, entblößter.


„Das Haus da…“ Meine Stimme klang rauer, als ich wollte. Ich deutete mit der Hand an ihm vorbei zum Haus gegenüber. „Das ist… äh… das war meiner Großeltern. Sie sind gestorben. Erst mein Nonno, dann meine Nonna. Ich bin von New York zurückgekommen, um ihre Felder zu bewirtschaften.“


Er folgte meiner Hand. Für einen Moment war es, als würde er nicht nur das Haus ansehen, sondern durch die Mauern hindurch all das sehen, was einmal darin gewesen war.


„Ja“, sagte er leise. Und setzte seine Hände an die Hüften. „Ich kannte sie. Dein Großvater war ein guter Freund meines Vaters. Sie waren beide sehr nett zu mir. Meine Condoglianze.“


Seine Worte fielen weich in die Hitze, wie etwas, das nicht laut sein musste, um wahr zu sein. Ich sah ihn von der Seite an und hatte das absurde Gefühl, meine Großeltern stünden zwischen uns. Unsichtbar, aber anwesend. Neben uns, beobachtend, vielleicht sogar lächelnd.


„Danke, ja“, wiederholte ich nur. „Sie waren wirklich sehr nett.“


Es war das Einzige, was ich über die Lippen brachte, aus Angst, zu viel von dem, was ich gerade fühlte, mit zu verraten. Doch zu wissen, dass mein Großvater und sein Vater Freunde waren, gab mir etwas Sicherheit und schuf eine Verbindung zu ihm, die geerbt war. Mein Nonno hatte sich ja kaum mit schlechten Menschen befreundet.


Mein Blick blieb auf dieser Vene an seinem Oberarm stecken. Wie nicht von dieser Erde seine Arme aussahen. Ich musste ihn berühren, schon nur um zu prüfen, ob er real war.


Also hob ich – so beiläufig, wie ich nur konnte – die Hand und legte sie kurz auf seinen Arm, als würde ich mich für die netten Worte bedanken. Freundlich, kumpelhaft, wie man einen Mann berührt, der einem geholfen hat, die Einkaufstaschen zu tragen.


Die Berührung durfte nur kurz sein. Doch unter meiner Hand fühlte ich keinen gewöhnlichen Körper.

Unter meiner Hand war Stein. Ein Stein, der atmet.

Nicht tot, nicht kalt – sondern warm, lebendig und strahlend. Wie ein Diamant, der beschlossen hatte, Mensch zu werden.

Hart wie eine Statue und doch voller Leben. Hart und doch weich genug, um es nicht loslassen zu wollen.


Mir wurde heiß. Nicht, weil die Sonne brannte, sondern weil mein Körper auf die Berührung reagierte.


Ich zog die Hand schneller zurück, als ich wollte. Sein Blick blieb ruhig auf mir liegen. Kein Spott, keine Überraschung, keine Frage. Nur diese stille, unerschütterliche Gelassenheit, die alles, was ich tat, kleiner machte – und bedeutender zugleich.


„Kann ich dir was anbieten?“ fragte er schließlich.

Seine Stimme war wieder weicher, fast zärtlich.


„Gern“, sagte ich, bevor mein Verstand überhaupt verstanden hatte, was er damit meinte. Aber mein Körper antwortete schneller. Alles wollte er von diesem Mann.


„Komm rein“, sagte er, zeigte auf die Tür und ließ mich wie fremdgesteuert vorgehen. Er ging hinter mir.


Der Flur war kühl. Steinboden, dicke Mauern, gedämpftes Licht. Die Hitze draußen blieb wie eine andere Welt hinter uns zurück, als er die Tür ins Schloss fallen ließ. Plötzlich war nur noch sein Haus, sein Atem, unser leises Gehen auf dem Stein.


Wir betraten die Küche. Sie war schlicht, fast karg – ein Tisch, zwei Stühle, ein altes Spülbecken, ein Fenster, durch das das Licht fiel. Aufgeräumt. Nichts Überflüssiges. Alles schien seinen Platz zu haben.


Er kam auf mich zu. „Was kann ich dir also anbieten, Junge?“, fragte er. Seine Stimme war jetzt nicht mehr nur weich – sie war auch nah. Sein Gesicht so nah an meinem. Diese Augen.


Meine Gedanken stolperten übereinander. Für einen Moment dachte ich, er wolle mich küssen, als sein Blick kurz über meine Lippen glitt. Meine Brust zog sich zusammen, mein Herz schlug so laut, dass ich sicher war, er musste es hören. Ich stellte mir vor, wie er sich vorbeugt und seine weichen Lippen meine finden, wie der Stein, den ich eben noch gefühlt hatte, all seine Wärme in mich gießt.


Die Sekunde dehnte sich, wurde lang, fast schmerzhaft. Ich vergaß, dass eine Frage überhaupt gestellt worden war und auf meine Antwort wartete.


„Ich hab nur Wasser“, sagte er dann plötzlich.


Die Worte schnitten durch meine Fantasie wie ein klares Messer. Nüchtern. Einfach. Real.


Ein kurzes Lächeln zuckte über mein Gesicht – halb aus Verlegenheit, halb aus Erleichterung.


„Wasser ist gut“, brachte ich heraus.


Er nickte. „Setz dich“, sagte er. Drehte sich um und ging zum Spülbecken. Ich blieb aber stehen – konnte nicht anders, als zu beobachten, wie seine Schultern sich bewegten, wie sich sein breiter, gemeißelter Rücken hob und senkte, wie die Muskelstränge an seinen Armen unter der Haut spielten, als er den Krug und zwei Gläser hob. Alltägliche Gesten. Unspektakulär. Und doch hätte ich stundenlang nur das ansehen können. Jede seiner Bewegungen goss Öl in mein bereits loderndes Feuer.


Er drehte sich um. Und sah mich erstaunt an, dass ich noch stand.


„Wo soll ich mich setzen?“ fragte ich schüchtern. „Ich meine… wo sitzt du lieber?“ fragte ich, so unterwürfig, wie ich mich eben fühlte.


Er stellte das Glas und den Krug auf den Tisch, nahm einen der Stühle und sagte nichts, sondern lächelte mich nur an. Ein warmes, bestätigendes Lächeln. Als hätte ich etwas Richtiges getan. Wie ein Vater, der stolz seinen Jungen anlächelt, wenn er sich anständig verhält. Es beruhigte mich.


Ich setzte mich auf den freien Stuhl.

 
 

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