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EPISODE 6 – WOFÜR WIR GEKOMMEN SIND

  • Autorenbild: Enzo
    Enzo
  • 6. Jan.
  • 6 Min. Lesezeit

SONG




Die Nachmittagshitze hatte sich wie geschmolzenes Blei über den Olivenhain gelegt; sie hing nicht in der Luft, sie lastete auf uns – schwer, sonnendurchdrungen, beinahe körperlich. Das Licht war weiß und zugleich golden, so dicht, dass die Konturen der Bäume weich wurden, als hätten sie für diesen Nachmittag ihre feste Form aufgegeben.


Wir saßen noch immer auf der Decke, die Giorgio ausgebreitet hatte, um eine Pause zu machen und mich seine Äpfel kosten zu lassen. Die letzten Reste lagen auf dem Tuch, während er sie langsam aufnahm, und ich merkte, wie mein Blick immer wieder von den Früchten zu seinen Händen glitt – als wären sie ein Übergang von etwas Harmlosen zu etwas, das mich nicht mehr losließ. Es war nicht der süße Geschmack der Äpfel, der in mir nachhallte, sondern die Nähe dieses Mannes, der neben mir saß wie etwas Unverrückbares, wie eine Kraft aus einer Zeit vor meiner eigenen.


Der Stoff meines Shirts klebte mir am Rücken. Ich zog es aus, langsam, und legte es neben mich.

Die Luft auf meiner noch feuchten Haut war warm, strich über mich, als würde sie prüfen, was freigelegt worden war. Ich spürte meinen Körper deutlicher, jede Bewegung, jede Unebenheit.


Ich war nicht so gebaut wie er – nicht diese selbstverständliche Kraft, nicht dieser gemeißelte Körper, an dem sich unter der Hitze die Adern an Armen und Füßen klar abzeichneten, gespannt und sichtbar, als wollten sie gesehen werden, wie die Wurzeln der Olivenbäume um uns herum, die sich durch die Erde drängten.


Ich schämte mich nicht. Aber mir war schmerzhaft bewusst, wie viel Raum er einnahm im Gegensatz zu mir. Wie klein ich neben ihm wirkte, feiner, verletzlicher. Und dass genau dieses Ungleichgewicht meinen Blick immer wieder zu ihm zog, fast widerwillig, fast suchend.


Giorgio sah kurz zu mir, ließ den Blick einen Moment zu lange ruhen, bevor er ihn wieder abwandte. Kein Kommentar.

Nur dieses kaum merkliche Zucken in seinem Mundwinkel, das ich nicht deuten konnte.


Er lehnte sich zurück, ein Zeichen, dass er fertig gegessen hatte, und fing an, über seine Bäume zu erzählen, die er kannte, als wären sie Familienmitglieder.

Über die Netze, die man unter ihnen ausbreitet, nicht nur, um die Oliven aufzufangen, sondern, wie er beiläufig bemerkte,

„damit der Baum loswerden kann, was ihn beschwert.“

Er sagte es ruhig, und doch war da etwas in seiner Stimme, das mich nicht sicher sein ließ, ob er wirklich nur vom Baum sprach.


Ich erzählte von meiner kleinen Ernte, von den Vögeln, die sich bedient hatten, und von dem Mann mit der alten Presse, der alles genommen hatte.

„Der Preis war nicht gut“, gestand ich, „aber ich war froh, dass ich es schnell loswurde. Es war ohnehin zu wenig, um zu rechnen.“


Giorgio nickte nur, ohne Urteil, ließ den Blick kurz über mich hinweg zur Sonne gleiten, dann sagte er:

„Hey. Bevor uns die Sonne endgültig austrocknet. Lass uns was trinken gehen.“


Sein Ton ließ keinen Widerspruch zu. Er stand auf, und ich merkte, wie leicht es mir fiel, ihm zu folgen, ohne nachzufragen.


Wir standen auf, ließen die Decke liegen wie ein offenes Buch, das wir später weiterlesen würden. Dann ging er ein paar Schritte zu dem Olivenbaum hinter uns und legte die Hand an den Stamm, an dem Peppina angebunden war. Erst da bemerkte ich den Eimer im Schatten des Baumes, halb verborgen im Gras. Giorgio schaute prüfend hinein


„Auch Peppina hat Durst“, sagte er ruhig, fast beiläufig, nahm den Eimer mit, und ich folgte ihm den kleinen Hang hinab, bis wir zu einer Wasserquelle kamen, die zwischen zwei Felsen aus der Erde trat. Das Wasser war klar, kühl, lebendig, als wäre es aus einer anderen Welt als diese Hitze.


Giorgio stellte den Eimer zuerst neben die Quelle ab und kniete sich hin, schöpfte Wasser mit den Händen und trank in langen Zügen, ohne Eile, ohne Hast, als würde er nicht nur seinen Durst stillen, sondern die Hitze aus seinen Knochen waschen. Er trank viel, kühlte sein Gesicht, ließ das Wasser mit seinen großen Händen über Hals und Brust laufen, und die nasse Haut glänzte in der Sonne. Ich konnte den Blick nicht abwenden.


Die Art, wie sein Hals sich hob und senkte, wie sich seine Schulterblätter unter der sonnengegerbten Haut bewegten, hatte etwas Rohes, Selbstverständliches, das mich magisch anzog. Erst als er fertig war, wischte er sich mit dem Handrücken über den Mund und nickte mir zu.


Ich trat an die Quelle, hockte mich hin und beugte mich zum Wasser, doch kaum hatte ich die Hände hineingetaucht, hörte ich neben mir seine Schritte, dann das langsame Rascheln von Stoff. Er war ein paar Schritte weitergegangen, zu einem Baum, der am Rand der Quelle stand. Er stand mit dem Rücken zu mir gewandt. Ich konnte den Blick nicht abwenden, aber sein Rücken blieb mir zugewandt.


Ich trank, doch meine Gedanken hingen an ihm.

Ich sah direkt, wie er dastand: fest, breitbeinig, vollkommen selbstverständlich in seiner eigenen Natur, während er den Baum vor sich bewässerte, ruhig, ohne Zögern, als sei er Teil eines Kreislaufs, von dem er gesprochen hatte.

Ich beneidete den Stamm darum, dass er einfach nehmen durfte, was Giorgio ihm gab, ohne Scham, ohne Fragen, und mein Körper schrie lauter danach, als ich es mir selber zugestehen wollte.


Als er sich drehte und wieder zu mir zurückkam, tat ich so, als sei ich nur am Trinken und er habe nur etwas ganz Selbstverständliches getan.


„Genug getrunken?“ fragte er.

Ich nickte, obwohl ich weder das Wasser noch diesen intimen Moment ganz geschluckt hatte.


Bevor wir gingen, füllte Giorgio den Eimer sorgfältig, hob ihn mit beiden Händen an und trug ihn den Hang hinauf zurück. Er stellte ihn vor Peppina ab, löste den Strick ein wenig, damit sie bequemer trinken konnte, und wartete, bis sie den Kopf senkte. Erst dann wandte er sich wieder mir zu. Dieses Mal führte er mich nicht zurück zur Decke, sondern zu einem Olivenbaum, dessen Stamm breit genug war, um zwei Männer darauf sitzen zu lassen. Er legte die Hand an die Rinde, sprang mit einer fast spielerischen Bewegung hinauf, und der Ast schwenkte leicht unter der Schwere seines massigen Körpers. Er ließ die Beine über dem Boden baumeln.


„Komm, im Schatten des Baumes ist es angenehmer als dort in der prallen Sonne“, sagte er und deutete neben sich.

Ich machte es ihm nach, doch der Ast bekam es bei mir kaum mit. Der dicke Ast war warm, glatt und stabil.

„Hier hat auch schon dein Nonno gesessen, Junge“, fügte er hinzu.


Wir saßen nebeneinander, die Füße frei und so nah, dass ich die Wärme seines Oberschenkels durch den Stoff meiner Hose spürte, auch wenn ich mich nicht bewegte.

Von hier aus wirkte der Hain größer, und gleichzeitig fühlte es sich an, als gäbe es nur uns und unsere baumelnden Füße.


Eine Zeitlang sagten wir nichts.

Dann wandte Giorgio den Kopf ein wenig, gerade genug, dass ich seinen Blick spürte, bevor ich ihn sah.


„Sag mir noch einmal“, begann er leise, „wem hast du deine Oliven verkauft?“


Ich sagte: „Der Ölpresse am Ortseingang.“


„Und wer hat den Preis gesagt? Der Pressenbesitzer?“ fragte er.


„Nein“, sagte ich. „Ein anderer. Einer, der nur dabei stand. Er sah … nicht wie ein Arbeiter aus.“


Giorgio nickte kaum merklich. Nicht erstaunt. Nicht beunruhigt. Eher so, als würde sich etwas bestätigen, das er längst wusste.


„Manche kaufen Oliven“, sagte er schließlich. „Manche verkaufen, damit im nächsten Jahr noch alles so steht wie heute.“


„Wie meinst du das?“ fragte ich.


Er ließ sich Zeit.

Dann sagte er: „Hier oben verkaufst du nie nur Früchte.“

Er sah in die Ferne, nicht zu mir.

„Du verkaufst auch ein bisschen … Ruhe.“


„Und wenn man nicht verkauft?“ fragte ich leise.


Er schwieg einen Moment zu lange.


„Dann zahlst du trotzdem“, sagte er schließlich. „Nur anders.“


Ich verstand nicht, was er meinte. Ich nickte, doch er merkte es.


Er legte eine Hand auf mein Bein und sah mir in die Augen.

„Du hast nichts falsch gemacht“, sagte er ruhig. „Unwissentlich, aber richtig. Du hast nichts zu befürchten.“


Es hätte mich beruhigen sollen. Egal, was er damit meinte.

Doch sein Gesicht so nahe an meinem, die Wärme seiner Hand, sein Blick, der immer wieder zu meinen Lippen glitt, machte mich nervös.

Ich dachte, er würde mich küssen.

Ich erstarrte.

Ich wusste nicht, was kommen würde.

Ob er so war wie ich. Oder ob er mich nur prüfte.


Die Sekunden dehnten sich zu einem ewigen Moment.


Dann sagte er mit sanfter Stimme, so nah, dass ich seinen Atem spürte:

„Hey. Wollen wir das tun, wofür wir gekommen sind?“


Ich wusste nicht, was er meinte.

Aber ich wusste mit jeder Faser meines Körpers, was ich wollte. Ich wusste, warum ich wirklich gekommen war. Was ich mir erhoffte.

Diese Erkenntnis vernebelte mich.

Sein Atem an meinen Lippen ließ mich vergessen, überhaupt zu antworten.


Ich sah ihm in die Augen und schwieg.

 
 

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