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EPISODE 15 - ICH SCHRIEB EINEN BRIEF

  • Autorenbild: Enzo
    Enzo
  • 8. März
  • 4 Min. Lesezeit


Giorgio saß draußen, auf seinem Stuhl, die Füße auf dem Hocker, barfuß.


Die Sonne stand bereits hoch, die Luft flirrte leicht, und tief in mir zog wieder dieses vertraute Gefühl. Nicht Schmerz, nicht wirklich, eher Hunger. Den immensen Hunger auf ihn.


Ich saß am kleinen Pult am Fenster. Ein leeres Blatt lag vor mir, der alte Bleistift in meiner Hand. Ich wusste nicht, wie man beginnt, wenn man nicht weiß, was man sagen darf. Aber ich wusste, dass ich schreiben musste. Nicht für ihn. Für mich.


Ich blickte zu ihm hinaus.


Giorgio saß da wie aus Stein, breit und still. Kein unnötiger Muskel bewegte sich. Nur die Sonne lag auf seiner Brust. Er atmete langsam, schwer. Er wirkte wie ein Denkmal, wie ein Mann, der nichts will und doch alles gehört. Er muss nichts dafür tun. Seine Ruhe reichte vollkommen aus.


Ich senkte den Blick und schrieb.


„Giorgio, deine Ruhe trifft mich jedes Mal, wenn ich dich sehe. Du brauchst nicht zu sprechen und dich nicht zu bewegen. Du versuchst nicht einmal, gesehen zu werden, und doch zieht alles an dir meinen Blick an. Dein Atem hebt langsam deine Brust. Du atmest nur, und es ist, als würde dir die Welt gehören. Wenn ich dich so sehe, spüre ich, wie etwas in mir nachgibt, als würde mein eigener Wille leiser werden, als würde nur deiner für mich zählen, wie sehr ich mir wünsche, dir zu gehören.“


Ich hielt inne. Die Worte lagen schwer auf dem Papier. Nicht übertrieben. Nur wahr.


Ich sah noch einmal zu ihm hinaus. Er hatte sich etwas zurückgelehnt, sein Kopf ruhte nun an der Wand hinter ihm, die Füße lagen entspannt auf dem Hocker. Die Sohlen waren leicht leicht verstaubt und trotzdem wirkten sie erstaunlich anziehend.


Ich spürte, wie sich mein Magen zusammenzog, ein leises Prickeln stieg in meiner Kehle auf. Seine Füße zogen meinen Blick an. Nicht laut, nicht vulgär. Etwas Tieferes. Etwas, das sich nicht erklären ließ. Etwas magisches, das alle meine verbotenen Gedanken offen legte und nach Wahrheit schreien liess.


Ich schrieb weiter.


„Ich weiß nicht, warum es deine Füße sind, die mich nicht loslassen. Sie ruhen auf dem Hocker, breit und fest, als hätten sie Gott selbst geformt. Der Staub des Feldes liegt noch auf deinen großen, breiten Sohlen. Ich sehe die Linien deiner Haut, die Spannung deiner großen Zehen, die Schwere deiner Füße. Mein Blick bleibt dort hängen, und ich stelle mir vor, wie ich mich langsam vor dir niederknnie, mein Kopf tief, bis mein Blick auf derselben Höhe ist wie deine Sohlen, bis ich nichts anderes mehr sehe als den Staub deiner Schritte. Ich will nicht neben dir sein. Nicht vor dir. Ich wünsche mir, unter dir zu sein und still nur die Wärme deiner großen Sohlen zu spüren, schon der Gedanke daran lässt mein Herz schneller schlagen.“


Ich legte den Bleistift kurz beiseite. Noch nie hatte ich mich so offen und wahr gefühlt. Ich atmete langsam ein und sah wieder hinaus.


Giorgio hob gerade seine großen Hände und legte sie hinter den Kopf. Die Bewegung ließ seine Schultern arbeiten, die Muskeln verschoben sich unter der sonnengebräunten Haut, ruhig und selbstverständlich. Seine behaarten Achseln kamen zum Vorschein, seine Brust dehnte sich, und sein Atem ging tief.


Alles an ihm war körperlich, schwer, wirklich.


Und doch war da keine Anstrengung.


Er saß einfach da, ein Mann, wie ich ihn noch nie gesehen hatte und von dem es wohl kein zweites Mal geben würde.


Ich nahm den Bleistift wieder auf und schrieb weiter.


„Und dann sehe ich deine Hände. Sie sind so groß und stark. Ich stelle mir vor, wie sie sich senken würden, wie sie meinen Kopf berühren und ihn festhalten. Bestimmt. Führend. Wie sie entscheiden würden, wie nah ich dir kommen darf oder muss. Wie sie bestimmen würden, was ich zu tun habe. Der Gedanke lässt mein Herz schneller schlagen. Es ist mein Wunsch, dir allein zu dienen. Lass mich der eine sein, der es darf. Meine Seele und mein Schicksal gehören dir allein. Du bist der Herr und ich Dein Besitz.


Ein stiller folgsamer Diener, den Du nennst wie Du willst.


Ich hätte noch hunderte weitere Seiten schreiben können. Aber meine Wünsche hatten nur eine zweitrangige Bedeutung. Eigentlich hatten sie gar keine. Sein Wille allein sollte zählte. Ich wollte sein Diener sein. Nur das. Ich wollte dienen und benutzt werden.


So setzte ich den letzten Punkt und legte den Bleistift weg.


Der Brief war fertig. Zum ersten Mal stand dort zusammegefasst alles, ohne Ausflucht, ohne Versteck.


Es tat gut.


Ich sah auf das Papier, dann wieder hinaus.


Giorgio saß noch immer draußen in der Sonne, unverändert, ruhig, als wüsste er nichts von dem Sturm, der hier drinnen gerade in Worte gefallen war.


Und jetzt blieb nur eine Frage.


Wie sollte dieser Brief zu ihm gelangen?


Hier gab es keine Briefkästen wie in New York.


Wenn er ihn lesen sollte, musste ich ihn ihm geben.


Oder ihn irgendwo hinlegen, wo seine Füße ihn finden würden.




Der Hirtenflöten-Mix


Ich wollte noch eine Uptempo-Version dieses Songs schaffen, in der ein typisches sizilianisches Instrument zu hören ist. Flöten gehören seit Jahrhunderten zur ländlichen Musiktradition der Insel und sind eng mit der einfachen, bäuerlichen Welt Siziliens verbunden. Besonders die Hirtenflöte passt meines Erachtens gut zu diesem Stück, weil ihr Klang etwas Archaisches und Ruhiges trägt. In der Geschichte vergöttert Enzo den Mann draußen fast wie eine höhere Gestalt. Die schlichte, ursprüngliche Klangfarbe der Hirtenflöte unterstreicht dieses Gefühl von Ehrfurcht, Stille und Hingabe.



 
 

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