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EPISODE 16 - ES WAR DER MOMENT

  • Autorenbild: Enzo
    Enzo
  • 15. März
  • 2 Min. Lesezeit


Der Brief war geschrieben.


Sorgfältig gefaltet. Bereit. Gefüllt mit Worten, die ich nie laut hatte aussprechen können.


Jetzt fehlte nur noch eines: der richtige Moment.


Ich beobachtete ihn vom Fenster aus.


Giorgio saß auf dem Stuhl vor dem Haus. Seine nackten Füße ruhten auf dem kleinen Holzschemel vor ihm. Sie waren staubig vom Hof, breit und kräftig, vollkommen still. Sein Kopf war leicht gesenkt, als wanderten seine Gedanken weit fort.


Ich fragte mich, woran er dachte.


Meine eigenen Gedanken wollten sich nicht beruhigen.


Sollte ich es wirklich tun?


Den Brief einfach dort hinlegen. Vor seine Tür.


Was, wenn es zu viel war?


Zu offensichtlich.


Was, wenn ich alles zwischen uns zerstörte?


Mein Blick glitt wieder zu seinen Füßen.


Zu den schweren Sohlen, die auf dem Schemel ruhten.


Sie zogen mich an wie Magnete.


Es waren nicht einfach nur Füße.


Sie waren die stille Antwort auf ein Verlangen in mir, das nie einen Namen gefunden hatte.


Das Gefühl stieg wieder auf. Langsam. Warm.


Diese Hitze in meiner Brust.


Diese seltsame Gewissheit, dass Nichtstun weit mehr schmerzen würde als jedes Risiko, das ich eingehen konnte.


Dann bewegte sich Giorgio.


Er erhob sich vom Stuhl. In einer ruhigen, unbeeilten Bewegung. Er trat zur Tür des Hauses. Für einen kurzen Augenblick fing das Licht die kraftvollen Linien seiner Schultern und seiner Brust ein. Dann verschwand er im Inneren.


Die Tür schloss sich leise hinter ihm.


Nicht ganz.


Sie blieb einen Spalt offen.


Jetzt.


Ich nahm den Brief und schlüpfte aus dem Schatten meines Fensters.


Mein Herz schlug wild. Jeder Schritt ließ meinen Puls lauter in meinen Ohren rauschen. Meine Knie fühlten sich seltsam schwach an, als hätte der Boden unter ihnen seine Festigkeit verloren.


Trotzdem ging ich weiter.


Über den warmen Stein des Hofes.


Langsam. Leise.


Als könnte selbst die Luft mich verraten.


Die Tür war nur noch wenige Schritte entfernt.


Ich erreichte sie und beugte mich hinunter.


Einen Moment lang zögerte meine Hand. Meine Finger zitterten leicht, als ich das gefaltete Papier auf die Türschwelle legte, gerade in den Schatten.


Dann hörte ich es.


Ein Geräusch hinter der Tür.


Schritte.


Nackte Füße, die sich über den Steinboden bewegten.


Ich hatte mich kaum wieder aufgerichtet, da erschien er.


Giorgio.


Er füllte den Türrahmen sofort aus.


Groß. Breit. Ruhig.


Das Nachmittagslicht berührte seine nackte Brust und die kraftvollen Linien seiner Schultern. Seine weite Hose hing tief auf den Hüften. Seine dunklen Augen ruhten mit einer stillen Beständigkeit auf mir, die die Luft plötzlich dünner werden ließ.


So nahe bei ihm zu stehen hatte immer diese Wirkung.


Seine Gegenwart schien sanft, aber bestimmt auf die Welt um ihn herum zu drücken.


„Enzo“, sagte er.


Seine Stimme war tief und ruhig.


„Hey … Giorgio“, antwortete ich leise.


Sein Blick wanderte.


Langsam nach unten.


Zu dem Brief, der zu seinen Füßen lag.


Einen Moment lang sah er ihn einfach nur an.


In seinen Augen lag kein Zorn. Keine Überraschung. Nur diese ruhige, suchende Aufmerksamkeit, die er immer hatte, wenn er die Wahrheit wissen wollte.


Nach einem kurzen Schweigen fragte er leise:


„Hast du ihn dort hingelegt?“



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