top of page

EPISODE 8 – ICH BIN IN SEINEM NETZ GEFANGEN

  • Autorenbild: Enzo
    Enzo
  • 18. Jan.
  • 4 Min. Lesezeit

SONG



GESCHICHTE


ICH BIN IN SEINEM NETZ GEFANGEN


Giorgio lag unter dem Olivenbaum und schlief.


Auf dem Rücken, die Arme locker neben dem Körper, als gäbe es selbst im Schlaf nichts, wovor er sich schützen musste. Sein Oberkörper war nackt. Die Haut noch warm vom Tag, in den Vertiefungen seiner Muskeln ein feiner Rest von Schweiß. Das Licht fiel durch die Blätter und wanderte langsam über ihn hinweg, ohne Hast, als sähe die Sonne ihm beim Ruhen zu.


Sein Atem ging tief und gleichmäßig. Schwer genug, um die Umgebung in seinen Rhythmus zu ziehen.


Ich war nah bei ihm. Zu nah.

So nah, dass mein Körper schneller reagierte als mein Denken. Mein Blick blieb an ihm hängen, gefangen. An seinen Armen, an dem dichten Netz aus Adern, das sich klar unter der Haut abzeichnete. Dick, gespannt, ruhig. Linien, die nichts erklärten und doch alles sagten. Darunter arbeitete es, langsam, sicher. Das Blut floss im Takt seines Herzens. Leben, das sich nicht verbarg.


Dieses Netz hielt mich fest wie einen zappelnden Fisch. Lautlos, unerbittlich. Er war der ruhende Fischer, der sein Netz ausgeworfen hatte, ohne zu wissen, was sich darin verfangen hatte.


Er lag still, schwer, ganz bei sich.

Ich war der, der zappelte.


Je länger ich ihn ansah, desto deutlicher wurde mir, dass es kein Entkommen gab. Nicht vor ihm. Vor mir selbst. Vor meiner Natur.


Der Wunsch, ihn zu berühren kam nicht als Gedanke.

Er kam als Bewegung.


Meine Hand war mutiger als mein Verstand. Ehrlicher. Sie wusste, dass er schlief, wusste, dass nichts geschehen würde, wenn sie ihn nur kurz berührte. Sie hatte sich schon gelöst, als hätte sie längst entschieden.


Kurz bevor meine Finger seine Haut erreichten, hielt ich inne.


Das machte mir Angst.

Wie mein Körper auf ihn reagierte, machte mir Angst.


Selbst schlafend hielt er jede Schnur meines Körpers in der Hand. Was, wenn er aufwachte. Was, wenn er die Bewegung spürte, den Blick, die Nähe. Dieses Risiko konnte ich nicht eingehen. Ich durfte es nicht.


Ich musste mich vor mir selbst schützen.


Ich stand auf, ging zu meinem Hemd und zog es an. Setzte mich weiter weg. Zwang meinen Atem zur Ruhe, zwang meinen Blick, sich zu lösen, obwohl mein Körper sich wehrte. Ich versuchte bewusst, nicht hinzusehen. Kontrolliert. Ich wusste, dass seine Nähe mich verraten würde. Ich tat es, um nichts zu tun, was zu ehrlich gewesen wäre. Um mein Verlangen durch Distanz im Zaum zu halten.


Doch meine Augen hatten ihren eigenen Willen. Immer wieder glitten sie zurück zu ihm. Zu seinen nackten Füßen und Waden, zu demselben Netz, das auch dort sichtbar war. Lebendig, gespannt, als spräche sein Körper überall dieselbe Sprache. Und jedes Mal zog es mich ein Stück näher, ohne dass ich mich bewegte.


Seine Zehen zuckten leicht.

Dann veränderte sich sein Atem. Ein tiefer Zug. Der Schlaf ließ ihn los.


Aus Scham über meine eigene, ungebremste Sehnsucht sah ich zu Boden.


Als ich wieder aufsah, hatte Giorgio die Augen geöffnet. Er blinzelte gegen das Licht zwischen den Blättern, sah erst den Himmel, dann mich. Sein Blick war noch schwer vom Schlaf, aber wach genug, um den Abstand zu bemerken, den ich geschaffen hatte.


Er sagte nichts.


Er setzte sich auf und streckte sich gähnend. Nicht, um etwas zu zeigen. Weil sein Körper es verlangte. Mit der Bewegung spannten sich seine Muskeln, und das Netz seiner Adern trat deutlich hervor, roh und präsent unter der dünnen Haut. Er fuhr sich kurz über das Gesicht, als streife er den Schlaf ab.


Dann stand er auf. Langsam. Schwer.

Und kam auf mich zu.


Schritt für Schritt.


Seine Füße setzten fest im Staub auf, breit, sicher. Mit jedem Schritt nahm er mir den Raum, den ich mir geschaffen hatte, füllte ihn mit Präsenz, mit Körper, mit einer Ruhe, die nichts zurücknahm. Ich konnte nicht wegsehen. Mein Puls raste. Mein Herz war das Einzige, was ich hörte.


Er blieb nahe vor mir stehen. So nah, dass ich seine Wärme spürte. So nah, dass mir der Geruch von Mann und Schweiß in die Nase stieg. Sein Blick lag ruhig auf mir, offen, ohne Frage, ohne Absicht.


Ich hielt ihm nicht stand.

Ich sah hinunter. Erst auf seine Füße, groß und fest im Staub. Dann ließ ich den Blick weitergleiten. Zu seiner Körpermitte, dorthin, wo der Stoff spannte, wo der Schlaf seinen Körper noch nicht ganz freigegeben hatte.


Dort zeichnete sich etwas ab. Warm. Schwer. Ungeordnet. Kein Zeichen, kein Angebot. Nur die stille, weiche Härte eines Mannes, die selbst Stoff nicht verbergen konnte. Etwas, das jede Faser meines Körpers hörte und verstand. Ein stummes Drängen, das mir zeigte, dass es mehr zu lieben gab als das, was offen lag.


Mir zog es den Atem zusammen. Nicht aus Scham, sondern aus Erkenntnis.


Er tat nichts.

Er war nur da.


Ich rührte mich nicht, obwohl alles in mir greifen wollte.

Giorgio sagte nichts.

Ich auch nicht.


Aber ich wusste, dass ich etwas erkannt hatte. Eine heiße, pulsierende Kraft, roh und ungebremst, die sich unauslöschlich in mich eingebrannt hatte.

 
 

Folge teilen

bottom of page